Die Leiden der freien Journalisten

Meine Kollegin Alexia Weiss hat im Gewerkschaftsmagazin „Kompetenz“ einen Artikel über die Arbeitsbedingungen von freien Journalisten (Seite 14 und 15) veröffentlicht. Dass ich gerade vor meinem Rechner sitze und nach Luft ringe, hat nichts mit ihr zu tun. Der Artikel ist gut.

Die Spucke bleibt mir einmal mehr weg, weil in dem Text unter anderem Franz C. Bauer, seines Zeichens oberster Journalistengewerkschafter, zitiert wird. Ich schätze Bauer als Journalisten sehr und ohne Zweifel hat die Gewerkschaft in der Vergangenheit viel für unseren Berufsstand getan, aber wenn es um freie Journalisten geht, orte ich eine absolut antiquierte Einstellung. „Die Tätigkeit des/der Journalisten/-in ist einfach kein Gewerbe“, sagt Bauer zum Beispiel. Und: „Das ist nichts, was man selbstständig machen kann. Man ist an die Infrastruktur des Verlags gebunden, hat Termine ein- und sich an vorgegebene Längen zu halten. Gestaltungsfreiheit gibt es nur in beschränktem Ausmaß. Und ob ich in der Redaktion oder von zu Hause aus arbeite, ist heute kein Kriterium mehr dafür, ob man angestellt wird oder nicht.“

Kein Gewerbe also. Aha. Stimmt, ich brauche keinen Gewerbeschein, um meiner Tätigkeit nachzugehen. Aber ich übe meinen Beruf seit nunmehr vier Jahren selbstständig aus. Ich bin das, was man als Kleinunternehmerin bezeichnet. Verlage beauftragen mich, sie geben mir ungefähre oder exakte Zeichenlängen ebenso wie Abgabetermine vor, manchmal haben sie selbst Ideen, wen ich befragen sollte oder könnte, meistens fällt die Suche nach Interviewpartnern aber in meinen Bereich. Bei vielen meiner Auftraggebern schlage ich sogar selbst Themen vor. Ich stimme mich mit Ressortleitern und Chefredakteuren ebenso ab wie mit der Grafik. Hin und wieder schaue ich bei einer Redaktionssitzung vorbei. Nicht, weil ich muss, sondern weil mir der persönliche Kontakt wichtig ist. Und natürlich auch, weil ich dort mehr erfahre, als würde ich ausschließlich zu Hause sitzen. Meine fertigen Texte liefere ich meistens als Word-Dokumente ab, manchmal – diese Variante bevorzuge ich selbst – auch als InDesign-Dokumente. Ich frage mich, an welche Infrastruktur des Verlages ich groß gebunden bin.

Wir sind selbstständig, weil wir es wollen

Man kann sich als freie Journalistin oder freier Journalist selbstständig machen – und man tut es auch. Wer sich fragt, warum sich jemand das antut, sei herzlich etwa zu einem Stammtisch der Freischreiber Österreich eingeladen. Vielleicht Sie, Herr Bauer? Die meisten von uns sind nicht selbstständig, weil sie niemanden finden, der sie anstellen würde. Die meisten von uns sind selbstständig, weil sie es wollen. Wir sind nicht an einen einzigen Verlag gebunden, wir arbeiten für verschiedene Auftraggeber. Wir können tatsächlich arbeiten, wann und wo wir wollen. Ich muss nicht mühsam um Urlaub oder einen freien Tag ansuchen. Ich bin dann schlichtweg nicht da. Ob ich dann trotzdem arbeite, weil etwas fertigzustellen ist, ist mir überlassen. Wenn dann auch mal ein Wochenende drauf geht oder eine Nachtschicht fällig ist, ist das eben so. Will ich das nicht, muss ich rechtzeitig „Stopp!“ schreien. In vier Jahren lernt man das ganz gut. Und ehrlich gesagt habe ich keine Lust mehr, Kurzmeldungen zu schreiben und APA-Meldungen in Form zu bringen. Da sagt der freie Journalist Arno Miller, den Alexia in ihrem Artikel zitiert, etwas Richtiges: „Oft sind es allerdings gerade die Freien, welche ‚die neuen, die anderen Geschichten‘ liefern, weiß Miller aus der Praxis. Die angestellten RedakteurInnen würden mit der Bedienung immer neuer Kanäle, dem Produzieren von Beilagen, mit der Übernahme von Vertretungen bei Krankenständen und Urlauben immer weiter unter Druck gesetzt. ‚Auch bei ihnen wird ja zu Tode gespart.’“

Das Leben als Freie oder Freier könnte schön sein, meistens ist es das. Oft aber auch nicht, vor allem dann, wenn es um das Thema Bezahlung geht. Lohndumping at it’s best. Ich kenne kaum jemanden, die oder der ausschließlich von Journalismus leben kann. Die meisten von uns machen zusätzlich PR-Jobs, schreiben für Corporate-Publishing-Produkte oder machen überhaupt Jobs, die mit Journalismus und Texten eher wenig zu tun haben. Ich kann es mir glücklicherweise erlauben, ausschließlich beim Schreiben zu bleiben. Auch wenn das bedeutet, dass ich unter anderem Texte für das Intranet eines größeren Unternehmens verfasse. Was zugegeben viel Spaß machen kann. Ich erhalte Einblicke in eine andere Branche, ich arbeite auch dort mit netten Kollegen zusammen, die meine Kompetenz schätzen – und das Beste: Kunden wie diese bezahlen mich nach einem angemessenen Stundensatz. Was man von vielen Verlagen leider nicht behaupten kann. Obwohl ich es wahrscheinlich nicht tun sollte, arbeite ich auch für solche Medien, wenn mir die Geschichten am Herzen liegen, wenn die Zusammenarbeit passt, wenn ich das Gefühl habe, dass ich das vor mir selbst vertreten kann. Irgendeinen Mehrwert sollte es immer geben, das muss sich natürlich nicht ausschließlich auf das Honorar beschränken.

Sieben Euro die Stunde für Qualitätsjournalismus?

Wofür ich zumindest aktuell nicht mehr schreiben möchte: Tages- und Wochenzeitungen. Anfang des Vorjahres haben meine Kollegen und ich uns noch darüber gefreut, dass im neuen Kollektivvertrag das Zeichenhonorar für freie Journalisten angehoben wurde. Eingerechnet wurde endlich auch das sogenannte Zeithonorar, das die meisten Verlage bis dahin ignoriert hatten. Von den Freischreibern Österreich, zu deren Gründungsmitgliedern ich zähle, waren sogar Vorstandskollegen beim Ausverhandeln des neuen KV dabei, zumindest durften sie mit in der Runde zwischen Verlegern, VÖZ und Gewerkschaft sitzen. Als diejenigen von uns, die für Zeitungen schreiben oder bis dahin geschrieben haben, dann nach Inkrafttreten des neuen KV ihre ersten Abrechnungen bekamen, waren Enttäuschung und Unverständnis groß. Denn abgerechnet wurde – und wird zumindest von den meisten bis heute – weiterhin nach dem alten KV. Das bedeutet: Anstatt der 35,90 Euro für 1.000 Zeichen gibt es weiterhin nur 25,22 Euro. Die einzige für mich logische Erklärung: Sie zahlen nicht mehr, weil sie es können.

Ich habe mir einmal ausgerechnet, was ich an einem gut recherchierten Artikel von rund 5.000-6.000 Zeichen verdiene. Ich bin auf etwa sieben Euro die Stunde gekommen. Eingerechnet sind teilweise die Themenfindung, in jedem Fall die Recherche, die Suche nach Interviewpartnern und/oder die Recherche vor Ort, die Interviews selbst, das Schreiben, ebenso die notwendige Abstimmung mit meinem Auftraggeber, die wahlweise mehr oder weniger Aufwand bedeutet. Von den sieben Euro die Stunde sind dann noch die Beiträge für die Sozialversicherung und die Steuern abzuziehen. Zur Veranschaulichung: Während meines Studiums vor inzwischen mehr als zehn Jahren, habe ich im Nebenjob unter anderem Zeitungen verteilt. Damals habe ich 7,30 pro Stunde verdient. Weil es unter der Geringfügigkeitsgrenze war, unversteuert. Für den Job waren weder Qualifikationen noch Berufserfahrung notwendig.

Wenn sich die Gewerkschaft nun (nach über einem Jahr des Nichteinhaltens des KV!) dafür einsetzen will, dass der neue Zeichensatz eingehalten will, gut. Wenn die Gewerkschaft allerdings meint, wir müssten eigentlich alle angestellt werden, nicht gut. Wer nach bestimmten Kriterien längst angestellt werden sollte, soll das bitte auch werden. Dass Unternehmen hier oft alles andere als fair agieren, weiß ich. Und das gehört geändert.

Aber ich will ebenso wie viele Kolleginnen und Kollegen nicht angestellt sein. Ich will für meine Arbeit als freie Journalistin lediglich fair entlohnt werden.

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