Gleiches Recht für alle!

Kommenden Freitag heiraten zwei liebe Freundinnen von mir. Eigentlich ist „heiraten“ ja das falsche Wort, offiziell nennen wir es in Österreich „Eingetragene Partnerschaft“. Wieso? Weil die (von Menschen gemachte!) Ehe zwischen Mann und Frau angeblich heilig und damit nicht für jeden zugänglich ist. Schlimm genug. Ich darf übrigens auch keine Trauzeugin sein, sondern nur irgendeine Begleitperson. Immerhin hat der Verfassungsgerichtshof den Paaren mittlerweile das Recht auf offizielle „Begleitpersonen“ zugesprochen. Bis vor ein paar Wochen hätte es für mich noch geheißen: Dabei sein ist alles. Juhu. Immerhin.

Wollen wir nicht liebende Eltern?

So weit, so gut. Die beiden wünschen sich ein Kind. Als Zeichen ihrer Liebe, als Erfüllung ihres gemeinsamen Lebenstraumes, so wie eben unzählige Paare ein gemeinsames Kind möchten. Für Gesellschaften sollte das doch absolut wünschenswert sein: Einander liebende Paare, die in Zeiten von Geburtenrückläufen dafür sorgen, dass unser Pensionssystem langfristig vielleicht doch nicht gänzlich versagt. Kinder, die in Liebe aufwachsen. Medizinisch ist das alles natürlich kein Problem. Rechtlich schon.

Da wird nämlich spätestens die Adoption zur Hürde. Ein Adoptionsrecht für Homosexuelle gibt es in Österreich de facto nicht. Nicht einmal für Stiefkinder, also Kinder des Partners oder der Partnerin. Zwar will Justizministerin Beatrix Karl bis Frühjahr einen entsprechenden Entwurf vorlegen, nachdem das Adoptionsverbot vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte kürzlich gekippt wurde. Aber auch damit ist nicht jeder einverstanden.

Hallo? Menschenrechte?

Warum? Das kann jeder, der die Sendung Im Zentrum: Zwei Frauen und ein Baby – was ist Familie? Sonntagabend verpasst hat, in der ORF-TVthek nachsehen. Ich saß wirklich fassungslos vor meinem Fernsehapparat und traute meinen Ohren kaum, als FPÖ-Parteisoldatin“ Dagmar Belakowitsch-Jenewein Sätze von sich gab wie: „…dass hier eine kleine Gruppe von Menschen glaubt, dass sie über alle anderen drüber fahren muss.“ (sinngemäß) Schlimmer geht es kaum – dachte ich. Bis die Nationalratsabgeordnete (das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen: DIESE Frau darf mitbestimmen, was in unserem Land passiert!) wenig später tatsächlich auch noch die Pädophilie-Keule auspackte. Unfassbar, dass es sich bis heute noch nicht zu allen durchgesprochen zu haben scheint, dass Homosexualität und Pädophilie NICHT das Gleiche sind. Dass Frauen, die Frauen lieben, und Männer, die Männer lieben, Menschen wie du und ich sind. Und Pädophile krank und zu verurteilen.

Was ich noch sagen wollte …

Liebe Frau Belakowitsch-Jenewein, FPÖ-Nationalratsabgeordnete: Bitte informieren Sie sich, bevor sie den Mund aufmachen. Und bitte halten Sie es nicht für nahezu ausgeschlossen oder unmöglich, dass Ihre Kinder schwul oder lesbisch werden. Selbst wenn sie eines Tages „einfach nur“ homosexuelle Freunde haben, könnten sie Ihnen Ihre saudämliche Einstellung richtig übel nehmen. Und schreiben Sie sich hinter die Ohren, dass ALLE Menschen gleich zu behandeln sind. Dass Menschenrechte etwas ganz Wesentliches sind. Dass hier nicht eine „kleine Minderheit“ über die „große Mehrheit“ drüber fährt, weil erstens … haben Sie den Punkt mit den Menschenrechten schon verarbeitet? … Und zweitens: Schadet es denn der sogenannten „Mehrheit“, wenn auch homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen? Wen genau meinen Sie eigentlich damit, wenn Sie sagen: „Wir wollen das nicht“? Ihre Parteifreunde? Ihre Wähler? Nicht alle Österreicher, hoffe ich?

Liebe Frau Stephanie Merckens, Juristin, „kirchliche Lebensschutzexpertin“ und Mitglied der Bioethik-Kommission (warum eigentlich??): Sollte es noch nicht zu Ihnen durchgedrungen sein, dann möchte ich Ihnen hiermit mitteilen, dass es gleichgeschlechtlichen Paaren durchaus möglich ist, Kinder in die Welt zu setzen. Dass das Kind etwa eines lesbischen Paares selbstverständlich einen biologischen Erzeuger hat, vielleicht sogar einen „richtigen“ Vater, weil die Frau sich erst später in eine andere Frau verliebt hat, oder oder oder… In jedem Fall hat dieses Kind aber Eltern, also zwei Mütter. Oder zwei Väter. Oder mehr davon. Patchworkfamilien, schon mal davon gehört? Die klassische Familie nach Ihrer Definition ist zu schätzen und aufrecht zu erhalten. Aber auch die „nicht-klassische“ Familie, denn die dürfte das Zukunftsmodell sein… Und Frau Merckens: „Ungleiches gleichmachend beurteilen“? Wir sind alle gleich!

Lieber Helmut Graupner, Rechtsanwalt, Präsident des Rechtskomitees LAMBDA und Menschenrechtsaktivist: Ich bewundere Sie zutiefst dafür, dass Sie im ORF-Studio nicht ausfallend wurden. Während auf Twitter bereits von Tortungen die Rede war, haben Sie den beiden am menschenrechtlichen Auge blinden Verfechterinnen der Mann-Frau-Beziehung geduldig Ihre Sicht der Dinge erklärt. Ihre Arbeit ist so wichtig für dieses Land, für die Menschen hier, für mehr Toleranz, die wir so dringend brauchen. Ich weiß nicht, wie Sie nach solchen Diskussionen wie gestern ruhig schlafen können. Ich hatte schon als „Nur-Zuseherin“ das Bedürfnis, mich intensiv zu waschen und so lange abzuschrubben, bis der ganze Dreck von mir abfällt. Und bin dann doch irgendwann erschöpft eingeschlafen. Aber bis dahin war ich in Gedanken bei meinen lesbischen und schwulen Freunden, die es sich nicht ausgesucht haben, wen sie lieben.

Lieber Thomas Pletschko, Kinderpsychologe von Beruf: Bitte seien Sie künftig weniger zurückhaltend. Für mich war es gut, bestätigt zu bekommen, dass Kinder, die in homosexuellen Beziehungen aufwachsen, wie erwartet nicht gefährdet sind.

Liebe Ulrike Lunacek, EU-Abgeordnete der Grünen: Ihre Gelassenheit ist ebenso bewundernswert wie die des Herrn Graupner. Bitte weitermachen!

Liebe Twitter-Community: Danke, ohne euch hätte ich diese Sendung kaum unbeschadet überstanden. Oder mein Fernseher hätte sie nicht überlebt.

Liebe Redaktion von Im Zentrum: Ihr hättet euch ruhig mehr trauen können. Der Sendungstitel „Zwei Frauen und ein Baby – was ist Familie?“ war doch eher feig, sind wir ehrlich… Ansonsten: Tolle Sendung, tolle Moderation. Über die Gästeauswahl der „Gegenseite“ kann man diskutieren…

Lieber schwuler Freund, den ich hier nicht beim Namen nennen möchte: Deine Frage, warum du du eigentlich mit deinen Steuern zum Kindergeld beitragen musst, obwohl dir diese selbst verwehrt bleiben sollen, ist durchaus berechtigt. Deine Entscheidung ist es nicht, aber das kann es hoffentlich in den nächsten Jahren werden.

Liebe Gesellschaft: Bitte weitermachen. Eines Tages habt ihr es verstanden. Spätestens dann, wenn ihr knapp davor steht, eure eigenen Kinder zu verlieren, nur weil sie gleichgeschlechtliche Partner bevorzugen. Ich glaube an euch… Oder wie es Helmut Graupner gesagt hat: „Gleiches Recht für alle!“

Wer es noch immer nicht so sieht, sollte sich zum Beispiel den wirklich tollen Dok.Film „Warme Gefühle“ zu Gemüte führen.

c-Sabine Karrer

Update: Pro&Contra, Puls4, gleiches Ergebnis. Nur mit Gehring statt FPÖ- bzw. ÖVP-Hardlinerinnen…

3 Antworten auf „Gleiches Recht für alle!“

  1. Liebe Biene! Perfekter könnt es kaum mehr schreiben. Ich kann gut mit Leuten umgehen, die anderer Meinung sind als ich. Aber dass sich jemand derart über Gerechtigkeit, über „gleiches Recht für alle“, über Toleranz, … erhebt, das ist für mich schwer zu verkraften. Danke für Dein „zurecht rücken“!

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