Doskozil, seine Abschiebe-Hercules und enttäuschte Erwartungen

Herr Doskozil, ich bin enttäuscht von Ihnen. Vor dem Sommer wusste ich nicht einmal, wer Sie sind. Dann kam die sogenannte „Flüchtlingskrise“ (fälschlicherweise impliziert dieser Begriff immer, dass Geflüchtete – schutzbedürftige Menschen – die Krise darstellen, in Wirklichkeit sind es wir, die mindestens eine Mitschuld an den Krisen/Kriege in ihren Heimatländern tragen und damit an den Fluchtursachen). Sie hatten ein paar gute Momente. Sie schienen überaus menschlich zu agieren (nachzulesen zum Beispiel in diesem Kurier-Interview), vermutlich haben Sie das auch.

„Doskozil, seine Abschiebe-Hercules und enttäuschte Erwartungen“ weiterlesen

Tiefe Gräben

Leicht gekränkt darf man als politisch interessierter Mensch, der sich klar gegen Rechts ausspricht, dieser Tage nicht sein. Zumindest nicht in Österreich, wo am Sonntag immerhin rund jeder fünfte meiner Landsleute die FPÖ gewählt hat. Ich sei intolerant, weil ich andere ausgrenze, habe ich gleich mehrmals in Folge gehört. Weil ich nämlich eine Partei ausgrenze, die selbst andere ausgrenzt. Die ganz massiv gegen Minderheiten hetzt. Das Ironische dabei: Ich habe nicht einmal die Macht, die Rechtspopulisten tatsächlich auszugrenzen. Leider. Ich kann nichts dagegen tun, dass Susanne Winter nun schon wieder in „mein“ Parlament einzieht. Die Politikerin war vor wenigen Jahren offiziell wegen Hetze verurteilt worden.

„Tiefe Gräben“ weiterlesen

Qual der Wahl

Ein bisschen beneide ich diejenigen, die ihre Stimme bereits per Briefwahl abgegeben haben. Aber erstens zelebriere ich den Wahlsonntag bis heute: Ich mag es, in meinem Sprengel bekannte Gesichter zu sehen, ich mag es, mit den Leuten zu plaudern, ich mag es, wenn langsam die ersten Hochrechnungen reinkommen. Und was viel wichtiger ist: Ich habe – wie angeblich derzeit noch jeder vierte wahlberechtigte Österreicher – keine Ahnung, wem ich meine Stimme geben soll. Selbstverständlich kann ich einige Parteien für mich ausschließen: Weil sie absolut nicht annähernd das vertreten, wofür ich lebe und stehe, weil sie niederträchtige, menschenverachtende Wahlkämpfe bzw. Schlammschlachten führen und in Wirklichkeit wohl sogar noch näher am braunen Rand zu finden sind, als es ihre Plakate und Programme verlautbaren, weil ich Profilierungssüchtige von noch Profilierungssüchtigeren glaube, unterscheiden zu können.

„Qual der Wahl“ weiterlesen

Bitte gehen Sie weiter. Hier ist nichts erlaubt!

Anlässlich der aktuellen Raucher-/Nichtraucherdiskussion in Wien holen Rauch(er)hassende Nichtraucher wieder einmal ihre schönsten Argumente hervor: Die armen Kinder, die zwangsbeglückt werden! Die armen Mitarbeiter in Lokalen, die den Rauch aushalten müssen! Die armen Nichtraucher, die in Raucherräumen und Raucherlokalen von bösen Rauchern belästigt werden! Die typisch österreichische „Zwischenlösung“ konnte nicht funktionieren – verbieten wir das Rauchen gleich überall! In anderen Ländern funktioniert es doch auch!

„Bitte gehen Sie weiter. Hier ist nichts erlaubt!“ weiterlesen

Gleiches Recht für alle!

Kommenden Freitag heiraten zwei liebe Freundinnen von mir. Eigentlich ist „heiraten“ ja das falsche Wort, offiziell nennen wir es in Österreich „Eingetragene Partnerschaft“. Wieso? Weil die (von Menschen gemachte!) Ehe zwischen Mann und Frau angeblich heilig und damit nicht für jeden zugänglich ist. Schlimm genug. Ich darf übrigens auch keine Trauzeugin sein, sondern nur irgendeine Begleitperson. Immerhin hat der Verfassungsgerichtshof den Paaren mittlerweile das Recht auf offizielle „Begleitpersonen“ zugesprochen. Bis vor ein paar Wochen hätte es für mich noch geheißen: Dabei sein ist alles. Juhu. Immerhin.

„Gleiches Recht für alle!“ weiterlesen

Zur Aufschrei-Diskussion: Dann starr‘ mir nicht auf die Bluse!

Gerade bin ich auf einen Artikel zur Aufschrei-Diskussion gestoßen, der mich ziemlich verärgert hat. In Dann mach doch die Bluse zu! von Birgit Kelle verharmlost die Autorin meiner Meinung nach, worum es in der öffentlichen Debatte geht: Dass Frauen kein Freiwild sind! Und zwar egal, wie viele Knöpfe ihrer Bluse sie öffnen oder wie kurz sie ihre Röcke tragen. Das gleiche gilt übrigens auch für Männer: Ich würde niemals einem Mann, der in irgendeiner Weise von mir abhängig ist (Mitarbeiter, Journalist, auch nicht dem Kellner im Restaurant,…) ungeniert auf den Hintern starren oder ihn unverblümt fragen, wie oft in der Woche er denn zum Fitness geht mit seinen kräftigen Oberarmen. Das gehört sich einfach nicht, das passt nicht.

„Zur Aufschrei-Diskussion: Dann starr‘ mir nicht auf die Bluse!“ weiterlesen

Warum ich nicht will, dass Paul zwangsverpflichtet wird

Die „Schlacht“ um Berufsheer oder allgemeine Wehrpflicht ist also geschlagen. Was mich freut: Die überraschend hohe Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent. Nein, viel ist das nicht. Aber unter den Umständen war es nicht zu erwarten. Was mich überrascht: Dass offenbar nur 2,5 Prozent der Stimmen ungültig waren. Nicht, dass ich es toll fände, ungültig zu wählen, aber es hat mich eben überrascht, dass doch so viele eine eindeutige Meinung zu dem Thema hatten.

„Warum ich nicht will, dass Paul zwangsverpflichtet wird“ weiterlesen

Worte zweier „Wut-Donaustädter“

Offener Brief von Sabine Karrer und Michael Woditschka,
9. März 2012

Frei nach „Ober-Wutbürger“ Roland Düringer: Wir sind wütend. Geladen, stinksauer, ang’fressen, zornig. Zuerst waren wir wütend auf die Wiener Linien, die Kaisermühlen nicht ausreichend an die U2 angeschlossen haben. Wütend auf die Tatsache, dass der Bus 90A nicht die läppischen paar Meter weiter zur Donaustadtbrücke fährt, sondern auf der Donauinsel Rast macht, um anschließend wieder zur U1 zurück zu fahren. Während zahlende Kunden besonders im Winter in der Kälte auf 91A bzw. 92A warten müssen. Auf die Frage, wieso das so sei, ob denn ein stehender Busfahrer billiger sei als ein fahrender – tja, eine zufriedenstellende Antwort (sprich: Erklärung) sind die Wiener Linien bis heute schuldig geblieben.

Und wir beide waren nicht alleine wütend. Unsere Wut haben wir gemeinsam mit ein paar Freunden kurzerhand in einer Facebook-Gruppe zum Ausdruck gebracht. Woraufhin sich ein Redakteur der Bezirkszeitung bei uns gemeldet, unsere Positionen angehört und darüber berichtet hat. Mit Namen, mit Foto – logisch, wir haben ja nichts zu verbergen, im Gegenteil: Wir wollen etwas.

Jetzt sind wir noch wütender. Was nicht am Zeitungsartikel liegt. Der war gut. Menschen sprechen uns seitdem auf der Straße an und wünschen uns alles Gute für die Aktion. Wütend sind wir, weil die FPÖ Donaustadt ein Flugblatt verbreitet, das neben gewohnt populistischen Inhalten eben auch jenen Artikel aus der Bezirkszeitung auf einer halben Seite abbildet. Freilich MIT unseren vollen Namen. Und Es ist nicht nur die Tatsache, dass wir politisch keiner Partei ferner stehen als der FPÖ, die unsere Wut entfacht hat. Wir fühlen uns missbraucht. Das Mindeste wäre gewesen, vorher Kontakt mit uns und/oder dem Redakteur aufzunehmen. Nicht einmal dafür hat der Anstand der zuständigen Herren gereicht.

Wir haben die Facebook-Initiative „Liebe Wiener Linien, verlängert endlich den 90A in Kaisermühlen zur U2“ ausdrücklich privat ins Leben gerufen – und uns bereits des Öfteren jede parteipolitische Einflussnahme verboten. Ein Hinweis, der übrigens auch hier ausnahmslos bei einigen der FPÖ nahe stehenden Personen notwendig war. Alle anderen scheinen es verstanden zu haben. Und wir scheinen in ein Wespennest gestochen zu haben. Was mit harmlosen Gesprächen unter Freunden begonnen hatte („Ich habe jetzt mal den Wiener Linien geschrieben.“ – „Aja, das habe ich schon vor Monaten, aber da kam keine g’scheite Antwort.“ – „Mich regt das auch so auf mit dem 90A.“ – „Wisst ihr was, gründen wir einfach mal eine Facebook-Gruppe und lassen wir dort unserem Unmut freien Lauf.“), rief offenbar auch die Donaustädter FPÖ auf den Plan, die die „Idee“, für eine Verlängerung des 90A zu kämpfen, als ihre ansieht („Es kommt ned so viel auf dich an, denn du hast das Rad nicht erfunden, es war die FPÖ, die dieses Problem im Jahr 2011 aufgegriffen hat und nicht ein Bürger, der sich profilieren will“, schreibt etwa FPÖ-Bezirksrat Walter Kalab in unserer [offenen] Facebook-Gruppe.)

Erstens: Wir sind nicht eine oder zwei Personen, wir sind viele. Zweitens: Niemand will sich profilieren. Wir wollen lediglich das machen, was so gerne gepredigt wird: Uns als einfache Donaustädter für eine Sache engagieren, die uns wichtig ist, gelebte Politik im Alltag betreiben statt Parteipolitik. Drittens: Es scheint zur Taktik bzw. zum Stil zumindest einiger FPÖ-Politiker zu gehören, persönlich untergriffig zu werden. So rasch wird man also zum Spielball dieser Partei. Na bravo. Die FPÖ hat sich schon immer auf Kosten anderer versucht zu profilieren. Es geht hier nicht um persönliche Befindlichkeiten („Ich war zuerst da! Das ist mein Thema!“), sondern darum, in der Causa etwas weiterzubringen.

Und nun? Ausgerechnet UNSERE Namen auf einem FPÖ-Propaganda-Flugblatt? Noch dazu auf diese missbräuchliche Art und Weise? Kurz waren wir schon geneigt, uns mit der Vorstellung anzufreunden, unsere Wohnungen nur noch nachts zu verlassen. Aber dann dachten wir uns: Wieso eigentlich? WIR haben nichts Schlimmes getan – im Gegenteil. WIR setzen uns für eine gute Sache ein, WIR haben dafür niemanden missbraucht bzw. instrumentalisiert. WIR können uns morgens in den Spiegel schauen. Und WIR würden jedes Mal wieder so handeln. Weil es nicht nur gut, richtig und wichtig ist, für etwas zu kämpfen. Sondern weil es auch so verdammt einfach ist. Wenn einem nicht eine Partei wie die FPÖ dazwischen funkt, um sich (wieder einmal) mit fremden Lorbeeren zu schmücken. Tja, sie waren eben ihrer Meinung nach zuerst da und sie denken nicht im Traum daran, einfache Bürger etwas in Bewegung zu bringen. (So sollte Demokratie aber eigentlich funktionieren!)

Vielleicht sollten sich alle, die dieses System unterstützen, einmal fragen, ob sie das wirklich mittragen wollen. Ich weiß schon, Parteipolitik ist mühselig, wenig populär, zu schimpfen ist immer einfacher als sich wirklich zu engagieren. Und einige „da oben“ sind verdammt korrupt, haben keine Ahnung von den Problemen „da unten“ und man möge sich auch über vieles berechtigt ärgern. Wir verstehen das! Aber werfen Sie bitte einmal einen Blick hinter die Kulissen. Das hier ist ein Paradebeispiel für manipulatives und instrumentalisierendes Verhalten.

Sabine Karrer, Michael Woditschka

Hier der vorangegangene Artikel aus der Bezirkszeitung - das FPÖ-Flugblatt, um das es hier u.a. geht, mag ich ehrlich gesagt nicht abbilden...

 

Ziegelsteine als Nadelstiche

Ein Ziegelstein hat mehr facebook-Fans als Strache. Alle reden und schreiben darüber. Ich auch. Warum? Weil das Hoffnung gibt. Kleine (anonyme) Menschen setzen kleine (punktgenaue) Maßnahmen und erreichen so via Medien die Massen. Selbst PR-Profis müssen den Erfolg der Aktion wohl neidlos anerkennen.

Ein Nadelstich in Straches Ego? Hoffentlich. Er hat Erfolg, weil er gegen Minderheiten hetzt. Nun hat eine Gruppe gegen ihn Erfolg, indem sie nicht hetzt, sondern Humor als Waffe einsetzt. Und das auch noch ohne Führer am Ruder. Ja, Heinz-Christian, so geht es auch. Bleibt zu hoffen, dass sich der oder die Initiatoren der Gruppe nie zu erkennen geben. Erstens hängt der überraschende Erfolg wohl auch ein Stück weit damit zusammen, dass hier niemand einer Person nach dem Mund redet, sondern die Sache per se unterstützt. Und zweitens kennen Strache und seine Schergen möglicherweise andere Wege, Kritiker mundtot zu machen. Zumindest ist zu vermuten, dass Strache, Kickl und Co die kleinen Nadelstiche schmerzen und sie vor Wut toben, bevor sie sich am Opernball wieder strahlend (mei, die schönen blauen Augen, Bledsinn!) ihrer Fangemeinde präsentieren.

Eine größere Diskussion gestern hat mir wieder einmal gezeigt, wie wichtig es ist gegen Menschen wie Strache und Kickl, gegen intolerante und rechte Politik Flagge zu zeigen. Die „anderen“ machen das ständig, erheben also auch wir unsere Stimme (natürlich auf unsere Art, nicht auf „Daham statt Islam“-Art)! Oder wollen wir in einer Welt leben, wo Einzelbeispiele zu Realitäten werden? Wo Ausländer Sozialschmarotzer sind, der fiese Autoverkäufer gleich mal als „Kameltreiber“ tituliert wird (eh kloa, die sind ja alle so), in der jemand gleich mal als intolerant hingestellt wird, weil er Meinungen rechts von der Mitte so nicht hinnehmen kann/will und in der „Gutmensch“ für die meisten ein Schimpfwort ist. Liebe Freunde, intolerant bin ich glaub ich nicht. Aber ich wünsche mir, dass einzelne negative Begegnungen nicht zu „eh scho wissn, so ist es ja wirklich immer“-Wahrheiten werden, dass wir Bezeichnungen wie „Kameltreiber“ prinzipiell aus unserem Wortschatz streichen, dass wir wohl die israelische Regierung kritisieren können, sicher aber nicht DIE Israelis, und dass auch dem letzten endlich klar wird, dass Moslems NICHT diejenigen sind, die Flugzeuge entführen und Gebäude in die Luft sprengen. Achten wir wieder ein bisschen auf unsere Sprache und beten wir wenn schon – bitte!!! – den Ziegelstein an, aber sicher nicht den Strache.

Link zur facebook-Gruppe „Kann dieser seelenlose Ziegelstein mehr Freunde haben als H.C. Strache?“

c: siehe facebook-Link

Mittendrin statt nur dabei

Tausende brave Staatsbürger waren am heutigen Nationalfeiertag unterwegs. Mittendrin auch ich. Wer von Demokratie spricht, sollte auch mal die Gebäude betreten haben, in denen sich diese (hoffentlich) abspielt. Die Stationen: Parlament – Heldenplatz – Außenministerium – Wissenschaftsministerium mit Flashmob von protestierenden Studierenden – Uni Wien/Audimax.

Auch hiervon ein paar Impressionen für alle, die es verpasst haben: