Eine Armlänge – und wie genau verhindert das sexuelle Gewalt?

Nachdem Kölns Bürgermeisterin Henriette Reker vor ein paar Tagen erklärt hat, wie Frauen sich zu ihrem eigenen Schutz verhalten sollten (Stichwort: „eine Armlänge“), wollte ich schon was darüber schreiben. Ich hab’s dann doch nicht gemacht. Aber nachdem Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl gegenüber der Krone jetzt auch noch was zum Thema gesagt hat (Stichwort: „Frauen sollten nachts generell in Begleitung unterwegs sein“), frag‘ ich mich ernsthaft, was in dieser Gesellschaft falsch läuft.

Auch wenn ich zumindest bei Frau Reker gemutmaßt habe, ob sie sich nicht in ein echtes Wirrwarr geredet hat: Wem im Zusammenhang mit Köln und ähnlichen Vorfällen nichts anderes einfällt, als Frauen und Mädchen Verhaltensregeln aufzuzwingen, betreibt meiner Meinung nach Victim Blaming („Täter-Opfer-Umkehr“) vom Feinsten. Was soll uns das sagen?

In erster Linie braucht es Selbstbewusstsein

Wenn ein Mann auf mich zukommt, um mich zu belästigen, anzutatschen oder noch Schlimmeres zu machen, hätte ich besser „eine Armlänge“ Abstand gehalten? Wenn der Typ am Oktoberfest meint, mir aus nächster Nähe in den Ausschnitt fotografieren zu müssen, hätte ich besser eine bis oben hin geschlossene Dirndlbluse angezogen? Wie ist das mit „Hätte sie halt keinen Minirock getragen“? Auch den Satz hab ich schon gehört. Den Hals so richtig zugeschnürt hat er mir, als mir jemand mal von der Reaktion der Eltern einer Bekannten auf die Vergewaltigung ihrer eigenen Tochter erzählt hat. Nämlich mit diesen Worten. Wenn eine Jugendliche von einem ein paar Jahre älteren Bekannten betatscht wird und die anderen, mehrheitlich seine Freunde, nichts Besseres zu sagen haben, als dass der es eh nicht so meint, was soll man dazu sagen? Was sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, ist ein Zeltfest, das ich als Kind beziehungsweise an die Zeit, in der ein Mädchen gerade in die Pubertät kommt, erlebt habe. Ein erwachsener Mann meinte, dass ich doch so hübsch sei, wäre ich ein paar Jahre älter, würde er mich direkt mitnehmen oder so. Kein Kommentar der Umstehenden. Das muss relativ prägend für mich gewesen sein, denn sonst würde ich mich mehr als 20 Jahre später nicht noch daran erinnern. An diverse „Pograpscher“ beim Fortgehen habe ich mich so wie die meisten anderen irgendwann gewöhnt. Musste ich ja zwangsläufig. (Wer mir jetzt damit kommen möchte, dass das nicht nur Frauen passiert: Auch Männer können zu Opfern sexueller Belästigung/Gewalt werden, das ist klar und das will ich mit diesem Text keinesfalls negieren. Und genauso wird die Mehrheit der Männer nicht automatisch zu Tätern, auch das möchte ich ausdrücklich feststellen.)

Dann gab es noch die anzüglichen „Witze“ eines Lehrers während meiner Schulzeit (der eine oder andere Grapscher war auch hier dabei). Zum Direktor ist damals niemand von uns gegangen. Irgendwie ist das auch unangenehm und eigentlich ist es nicht so schlimm, würden dann zumindest die anderen sagen. Dann denkt man es lieber automatisch selbst. Der Mann mit dem Aktenkoffer, der mir vor ‚zig Jahren nicht nur einmal in der U-Bahn ans Knie gegrapscht hat… Was nützt es schon, ihm seine Meinung zu sagen, also rutscht man eben am Sitz ein paar Zentimeter weiter weg. Beim zweiten oder dritten Mal bin ich aufgestanden und habe mich auf einen anderen Platz gesetzt. Später habe ich von Freundinnen erfahren, dass sie auch schon ihre Erfahrungen mit dem Typen gemacht haben. Heute würde ich ihn wahrscheinlich anbrüllen, aber nicht einmal da bin ich sicher. Damals hatte ich jedenfalls weder das Selbstbewusstsein noch die Selbstverständlichkeit, dass sowas absolut nicht normal ist und sich das niemand – egal ob Mann oder Frau – gefallen lassen muss. Erinnert ihr euch noch an den Fall, in dem eine Frau in der Wiener U-Bahn vergewaltigt wurde? Und alle weggesehen haben? Zivilcourage ist ein großes Wort, für manche leider zu groß. Eine Ehrenrunde mit dem Nachtautobus habe ich nach einer ähnlichen Begegnung wie mit dem Aktenkoffermann übrigens auch schon mal gedreht – und anschließend erst recht ein Taxi nachhause genommen.

Wir bewegen uns gerade einen Schritt zurück

Und jetzt wollt ihr uns tatsächlich Ratschläge geben, wie wir uns in der Öffentlichkeit verhalten sollen, um Angriffe gegen uns zu verhindern? Kann es sein, dass wir uns gerade einen gewaltigen Schritt zurück bewegen?

Ich lebe seit 35 Jahren in Wien. Ich hatte und habe sehr selten Sorge, abends oder nachts alleine nachhause zu gehen. Gut, die Unterführung, die auf meinem Heimweg liegt, mochte ich nie. Vielleicht ist sie heute auch der Grund dafür, dass ich das eine oder andere Mal doch lieber ein Taxi nehme, wahrscheinlich liegt das aber mehr daran, dass mir diesen Luxus damals einfach selten leisten konnte. Vielleicht spielt aber auch ein wenig mit, dass man mit 35 weniger naiv ist als als Teen oder Twen? Klar habe ich inzwischen mehr erlebt und gehört, als in meinen jungen Jahren. Und klar freue ich mich immer, wenn ich den Heimweg nicht alleine antreten muss, wer nicht? Aber Angst, alleine unterwegs zu sein, habe ich in Wien wirklich nicht. Jedenfalls nicht in den Ecken, in denen ich unterwegs bin.

Vorsichtig sollte man schon sein, das ist leider richtig. Aber ich sehe nicht, was „Verhaltensregeln“ daran ändern sollten, dass Gewalt ausgeübt wird. Sollte man nicht besser bei den Tätern anfangen? Was genau sollen diese gut gemeinten Tipps bewirken? Hätten meine Mitschülerinnen und ich dem Lehrer die Faust aus einer Armlänge Entfernung ins Gesicht halten sollen, um seine Anzüglichkeiten zu beenden? „Frauen sollten nachts generell in Begleitung unterwegs sein, Angst-Räume meiden und in Lokalen keine Getränke von Fremden annehmen“, wird Polizeipräsident Pürstl in einem Interview mit der Krone zitiert. Heißt was? Ich sollte abends gar nicht mehr mit Freunden ausgehen, wenn sich niemand von denen bereit erklärt, mich später nachhause zu bringen? Die Sache mit der unheimlichen Unterführung (wenn wir schon das Wort Angstraum verwenden, dann erkläre ich die eben zu meinem) kann ich wie oben beschrieben mit einem Taxi gut lösen. Aber wer kann mir versichern, dass sich der Taxler nicht als Arschloch entpuppt? Auf meine Getränke passe ich in der Regel gut auf, aber ehrlich gesagt auch nicht in jeder Sekunde. Sollte mir dann trotzdem jemand was rein schütten, wird man mir ja später hoffentlich nicht auch noch die Schuld dafür geben.

Wenn schon Regeln, dann für alle

Grundsätzlich sind natürlich nicht alle „Verhaltensregeln für Frauen“ schlecht, aber vielleicht sollten wir gerade in Anbetracht dessen, was gerade erst in der Silvesternacht passiert ist und was an allen Orten der Welt tagtäglich passiert, auch über Verhaltensregeln für Männer sprechen, wenn es denn schon sein muss. Und dann bitte auch gleich über Verhaltensregeln für Familie, Freunde, Bekannte, umstehende Zeugen, Polizisten, Staatsanwälte und und und. Und erziehen wir unsere Kinder doch bitte so, dass sie über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen, sich im Notfall wehren können und immer wissen, dass sexuelle Gewalt keinesfalls selbstverständlich sein darf.

Auf ihrer Facebook-Seite hat sich Reker inzwischen für ihre Aussagen entschuldigt: „Ich wollte und werde auch in Zukunft keine Verhaltensregeln für Frauen aufstellen. Um solche Exzesse sexueller Gewalt künftig zu verhindern und die Sicherheit auf unseren Straßen und Plätzen zu garantieren, brauchen wir ausreichend Polizei- und Ordnungskräfte.“ Vielleicht schafft das Herr Pürstl ja auch noch… (Update: Pürstl hat wohl inzwischen gegenüber dem Falter geäußert, in der Krone verkürzt zitiert worden zu sein. Man darf gespannt sein, wie das weiter geht.)

 

Hier noch ein sehr kluger Kommentar im Kurier zum Thema.
Auch lesenswert: Was die Journalistin Corinna Milborn auf Facebook empfiehlt.

 

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