Vorauseilender Gehorsam wirft uns zurück – Kommentar zu Hassan Rohani und den verhüllten Statuen in Rom

So so, Rom hat also einige nackte Statuen auf dem Kapitol verhüllt. Aus Respekt vor der Kultur und dem Glauben des iranischen Präsidenten Hassan Rohani, der sich zum Besuch in Italiens Hauptstadt angekündigt hatte. Natürlich darf man sich darüber lustig machen, man darf sich auch darüber auslassen. Nur richten sich Witzchen und Häme wohl gegen den Falschen. „Geh bitte, lasst’s doch den Hassan ‪#Rouhani in Ruhe“, twitterte Kollege Erich Kocina (Die Presse). „Die Italiener waren in dem Fall die Deppen, also wenn, dann schimpft’s über die.“ Besser könnte ich es nicht ausdrücken.

Wenn ich über die Sache nachdenke, fällt mir eine skurrile Geschichte ein, die ich vor gut zehn Jahren in Polen erlebt habe. Damals war ich mit Freunden übers Wochenende zu Besuch in Krakau. Auschwitz-Birkenau an einem Tag, Stadtbesichtigung am anderen, dazwischen viele – logisch – extrem nachdenkliche Stunden. Und eine nächtliche Begegnung mit einer seltsamen Rezeptionistin.

In der Hoteletage, in der wir schliefen, war es sehr laut. Nachdem klar war, dass das wohl kein Ende haben würde, suchten meine Freunde und ich die Rezeption auf, erklärten den Sachverhalt. Die Dame hörte zu, nickte – und antwortete: „I understand, but sorry, I can’t do anything. Because…“ (dabei wurde ihre Stimme leiser) „…that’s a group of special people.“ Ich dachte kurz nach und fragte: „What do you mean with… äh special people?“ Daraufhin erklärte sie uns, es handelte sich um eine Gruppe von Menschen mit jüdischem Glauben. Wir können uns alle vorstellen, wie ein Antisemit die Geschichte nun erzählen würde. In diesem Fall wäre natürlich die Gruppe schuld, Extrabehandlung, blabla. Sämtliche Vorurteile vermeintlich bestätigt.

Ich finde das kontraproduktiv und war einfach nur verwundert darüber, dass die Hotelangestellte meinte, sie müsse diese Gruppe anders behandeln. Denn nicht die Gäste hatten nach einer Extrabehandlung gefragt, nicht ihnen konnte man irgendetwas vorwerfen. Auch hier war der „Depp“, wenn man das so sagen kann, die Rezeptionistin.

Irgendwann wurde es dennoch ruhiger in unserem Stockwerk. Kein großes Drama. Inzwischen, nehme ich an, müssen auch die steinernen Statuen in Rom ihre Blöße nicht mehr verdecken. Der fahle Nachgeschmack dagegen wird wohl noch eine Zeitlang bleiben. Vorauseilender Gehorsam ist einfach nichts Gutes. Er wirft uns vielmehr zurück.

 

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