Wir sehen einander bei Facebook. Und (dann) auf einen Kaffee.

Wir leben in einer Parallelwelt. Das ist schlecht. Aber auch gut. „Wie antidigital ist die digitale Zukunft?“ haben Bernhard Heinzelmaier und Philipp Ikrath von der Trendagentur tfactory sowie Beate Grosegger vom Institut für Jugendkulturforschung kürzlich im Rahmen einer gemeinsamen Präsentation gefragt. Wie erleben junge Menschen digitale Medien und wie gehen sie damit um? Ist der „Aussteiger“ von heute der Freak von gestern? Und wird es tatsächlich so sein, dass das Kind oder der junge Erwachsene mit ADHS künftig als „normal“ gelten wird, während jene, die Bücher lesen, sich in Ruhe mit sich selbst beschäftigen, als seltsam wahrgenommen werden, wie Heinzelmaier mutmaßt?

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Buchtipp: Phi Phi Island

Josef Haslinger und mich verbindet in gewisser Weise etwas. Er weiß es nur nicht. Am 26. Dezember 2004 erschütterte uns alle die Nachricht über die Riesenwelle, die große Teile Asiens zerstört hat. Sofern ich mich erinnere, war es am Anfang noch keine große Schlagzeile, dann kamen aber stündlich neue Nachrichten herein. Große Teile Asiens, darunter Thailands Küste, wurden durch den Tsunami zerstört. Ich hatte sicher schon einmal von einem Tsunami gehört, aber es war nichts, was mich beunruhigt hätte. Gibt es ja in Österreich nicht. Und dann hat er einfach so hunderttausende Menschen in den Tod gerissen. Familie auseinander gerissen. Mir ist bewusst, dass der Medienhype nie so groß geworden wäre, hätten die Wassermassen nicht so viele Touristen getötet. Aber hier geht es nicht um erhobene Zeigefinger, sondern um zutiefst Menschliches.

Namenslisten

Jedenfalls kann ich mich noch genau daran erinnern, im Laufe dieser letzten Tage des Jahres 2004 – auf der Suche nach Neuigkeiten – auch Listen mit unzähligen Namen von Vermissten, Verletzten und Toten durchgeschaut zu haben. Warum kann ich nicht einmal sagen. Zwar waren kurz vor dem Tsunami ein paar Freunde und Bekannte von mir in betroffenen Gebieten oder in der Nähe aus Urlaub. Aber die waren alle längst wieder zurück. Ich habe also nichts Bestimmtes gesucht. Dann habe ich auf einer der Listen aus den Krankenhäusern den Namen „Haslinger, Josef“ entdeckt. Ich weiß nicht mehr, ob er zu diesem Zeitpunkt noch als vermisst galt.

Mir ging das sehr nahe. Denn Haslinger hatte für mich ein Gesicht. Man denkt ja oft, man kenne Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, ein Stück weit. Man identifiziert sich. Ist natürlich Blödsinn, aber es ist so.

Erinnerungen

Irgendwann vor ein paar Monaten ist mir dann beim Stöbern in einem Buchgeschäft Phi Phi Island in die Hände gefallen. Haslinger hat darin gewissermaßen das Erlebte aufgearbeitet. Warum das gesamte Werk in Kleinbuchstaben verfasst ist, löst der Autor erst später auf. Als er auf der Insel Koh Phi Phi gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern von der Flut erfasst wurde, hat er sich schwer an der Hand verletzt. Damit lässt sich die Umschalttaste natürlich schwer bedienen.

Ich verschlinge jeden einzelnen Buchstaben, bekomme immer wieder Gänsehaut. Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, was diese Vier in Thailand durchgemacht hat. Was so viele erlebt haben, die ihre Familie nicht mehr in die Arme schließen konnten. Haslinger schreibt offen über das Erlebte. Beschreibt, wie er ein Jahr nach dem Tsunami nach Koh Phi Phi zurückgekehrt ist. Bringt die Erlebnisse von 2005 mit den Erinnerungen an 2004 in Verbindung. Berührt mich tief im Inneren, wenn er etwa die freundliche und hübsche Rezeptionistin beschreibt, die die Familie in Empfang genommen hatte. Die er auf Fotos wiedererkannt hat, die umgekommene Mitarbeiter des Phi Phi Princess zeigten. Oder Emines Freund, mit dem er sich am Weg zur Insel noch unterhalten hatte. Wie hart der abrupte Abschied von Emine war, die zwei Tage lang wie ein fünftes Familienmitglied war, als sie auf dem Dach des Hotels Zuflucht fanden. Wie sie eine Wasserflasche und eine Rolle Klopapier horteten, als wäre es ein Schatz. Und wie schwer es ihnen allen fiel, nach dem Erlebten wieder in den Alltag zurück zu finden.

Dass Haslinger eigentlich nicht vor hatte, dieses Buch zu schreiben, verstehe ich. Dass er es trotzdem gemacht hat, bewundere ich. Nicht, weil ich auf Seelenstriptease stehe. Das ist „Phi Phi Island“ definitiv nicht. Aber weil er den Mut hatte, seine Gedanken und Erinnerungen zu Papier zu bringen. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, ohne Pathos. Und dass er es Menschen wie mir ermöglicht, daran Teil zu haben. Das Unfassbare ein Stück weit zu fassen – sofern das überhaupt möglich ist.

Josef Haslinger
Phi Phi Island – Ein Bericht
S. Fischer Verlag, 2007
ISBN 978-3-10-030059-1

Einen sehr guten Artikel zum Tsunami in Thailand 2004 findest du übrigens hier.

NORDWIND UND MEERLUFT

„Gut gegen Nordwind“ von Daniel Glattauer. Defintiv das Beste, das ich seit Langem gelesen habe. Und die ideale Lektüre für den zweistündigen Flug von Wien nach Amsterdam (erste Hälfte fertig, hat mich größtenteils vor einem Anflug leichter Flugangst bewahrt) und die Zugfahrt von Amsterdam nach Yerseke/Zeeland (zweite Hälfte, ebenfalls in zwei Stunden). Und verdammt, es ist das traurigste, beschissenste Ende, das man sich nur vorstellen kann! Und ja, verdammt, ich habe geheult wie ein Schlosshund (glücklicherweise versteckt hinter meinem riesigen Rucksack). Waren es fünf Minuten? Zehn Minuten? Mehr? Keine Ahnung.

Aber welches Ende hätte Glattauer stattdessen wählen sollen? Hätte er die Buchvorlage für „E-Mail für dich“ geliefert, hätte vermutlich auch ich mir den Film gerne gessehen. Denn so erschüttert, frustriert, unbefriedigt, alleine der Leser auch am Ende zurückbleibt, so sehr uns der Autor nach vier Stunden Lesevergnügen (ich bezeichne es so, auch wenn es natürlich nicht nur „Vergnügen“ im klassischen Sinn ist) den Boden unter den Füßen wegzieht: Ich kann es nachvollziehen! Ich verstehe beide Protagonisten! Das Leben ist nun mal kein Hollywood-Film.

Während ich noch um Leo und Emmi weine (und vermutlich auch wegen sämtlicher Anspannung der letzten Tage/Wochen/Monate), fährt mein Zug in Yerseke ein. Ich spüre nicht den Nordwind, sondern einen Hauch von Meerluft, Salzwasser, Muscheln… Sehe J., die ich seit 25 Jahren kenne, am Bahnhof auf mich warten. Das ist Freiheit. Und das ist Zuhause. Es fühlt sich gut an. Und wenn ich wieder in Wien bin, möchte ich bitte auch solche E-Mails bekommen! Oder Briefe. Oder Anrufe. Oder gleich persönliche Gespräche. Und was sich ergibt. Aber jedenfalls mit Happy End!