Lübeck–Hamburg – Oder: Die kürzeste lange Reise der Welt

Eine kleine Reisekatastrophe in mehreren Stationen: mit Hitze, Hilfsbereitschaft, einem gelben Koffer und einer Hündin, die beinahe sehr schlechte Reiseerfahrungen gemacht hätte.

Personen

  • ICH
  • MANN AN DER HALTESTELLE
  • BUSFAHRER
  • SCHAFFNER
  • FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
  • MANN MIT BLICK FÜR FARBEN
  • FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
  • ZWEI JUNGE MÄNNER
  • MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
  • FRAU MIT VENTILATOR
  • ZWEI JUNGE FRAUEN
  • HELFERIN
  • ZUGFÜHRERIN
  • ZWEI MÄNNER
  • ÄLTERER HERR
  • MEHRERE FAHRGÄSTE
  • HÜNDIN

1. Lübeck

Bushaltestelle in Lübeck. Sommerhitze. Der Reisebus steht noch da. Rascher Abschied von meinen Freund:innen, den Mitreisenden und dem Busfahrer. Dann bin nur noch ich da, mit meinem gelben Reisekoffer.

MANN AN DER HALTESTELLE
Wenn Sie den Bus brauchen: Der steht hinter dem Reisebus da.

Ich werfe noch einen wehmütigen Blick zurück, steige ein und grüße den Regionalbusfahrer.

ICH
Ich müsste noch ein Ticket kaufen.

Der BUSFAHRER winkt ab und grinst.

ICH
Hamburg Umgebung ist freundlich zu mir.

Am Bahnhof kaufe ich dann natürlich wenigstens mein Zugticket und ziehe meinen gelben Koffer Richtung Bahnsteig.

Ein MANN bleibt stehen. Er schaut auf den Koffer. Dann auf mich.

MANN MIT BLICK FÜR FARBEN
Gelb.

Er geht weiter.

ICH
Okay. Ein bisschen seltsam war das jetzt schon.

Kaum drei Minuten später sitze ich im Zug. Eine Durchsage. Unruhe.

DURCHSAGE
Wegen eines Stellwerkschadens auf der Strecke kommt es zu Einschränkungen.

ICH
Deutsche Bahn halt. Nicht nur ein Klischee.

Der SCHAFFNER eilt durch den Zug, gestikuliert, erklärt, versucht Ordnung herzustellen. Er wirkt weniger wie ein Zugbegleiter als wie jemand, der den Verkehr auf einer mehrspurigen Straße regelt.

SCHAFFNER
Was für ein Chaos.

Er versucht, eine FRAU in den Zug zu bringen.

SCHAFFNER
Steigen Sie ein!

FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
Ich warte noch auf meinen Mann.

SCHAFFNER
Wo ist der Mann?!

FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
Ich weiß es nicht. Gerade war er noch da.

SCHAFFNER
Was für ein Chaos.

Aus den Lautsprechern kommen lange Erklärungen. Auch dazu, was ein Stellwerkschaden ist.


2. Im Zug

Eine mittelalte FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER und sehr vielen Taschen setzt sich neben mich. Ich mache mit meinem gelben Koffer Platz. Sie lächelt dankbar.

Sie tippt auf ihrem Handy und zeigt mir den Bildschirm.

FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
Was passiert jetzt? Fährt der Zug nach Hamburg?

ICH
Stellwerkschaden. Wir müssen vielleicht umsteigen. Wir werden es erfahren.

Später hält sie mir ihr Handy wieder hin.

FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
Warum sind Züge hier so schlecht, es ist hier nicht einmal Krieg.

Ich lese es. Schaue sie an.

ICH
Ja.

Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.

In Ahrensburg müssen wir alle aussteigen.

SCHAFFNER
Irgendwie weiter mit Bus oder zu Fuß. Irgendwo fährt die U-Bahn.

Er seufzt.

SCHAFFNER
Was für ein Chaos.


3. Ahrensburg

Eine Bushaltestelle in einem Hamburger Vorort, in den ich nie wollte. Hitze. Wenige Busse. Volle Busse.

ICH
Bus Nummer eins kann ich vergessen.

Bus Nummer zwei hält. Ich habe schon einen Fuß in der Tür. Der BUSFAHRER schließt sie.

ICH
Oida!

ZWEI JUNGE MÄNNER stehen in der Nähe.

ICH
Wisst ihr, wie weit es zur U-Bahn ist?

ERSTER JUNGER MANN
Nicht genau. Wir sind auch nicht von hier.

ZWEITER JUNGER MANN
Angeblich sind es ungefährt eineinhalb Kilometer.

Wir schauen alle drei auf meinen gelben Koffer und lachen.

ICH
Das kann ich vergessen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Bus Nummer drei. Ich steige ein.

ICH
Endlich.

Der Bus ist wieder sehr voll. Und heiß.


4. Der Saunazug

U-Bahn Richtung Hamburg Hauptbahnhof. Überfüllt. Keine Klimaanlage. Alle schwitzen.

Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen schwitzen. Manche im Gesicht. Manche am Kopf. Manche offenbar ab dem Hals abwärts. Die meisten von uns allerdings überall, spätestens nach den ersten Minuten. Das ist keine Übung, das ist Sauna mitten in der Sommerhitze.

Ich entdecke mehrere Menschen mit Koffern.

Die müssen sicher auch zum Hauptbahnhof.

Ich stelle mich zu ihnen.

ICH
Ich folge einfach euch.

Der MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE steht neben mir.

MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
Unseren Zug haben wir schon verpasst.

Er sagt es erstaunlich ruhig.

ICH
Das ist ja fast beneidenswert gelassen.

MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
Bleibt uns ja nichts anderes übrig.

Wir witzeln immer wieder. Nicht, weil es so lustig ist. Sondern weil es sonst vielleicht zu viel wäre.

Seinen Witz darüber, dass bald noch jemand umkippen wird, wird er später bereuen. Das kann er in diesem Moment aber noch nicht wissen.

An einer der unzähligen Haltestellen steigt eine FRAU MIT VENTILATOR ein. Auffälliges Make-up, Manga-Tattoos, kitschige Taschenanhänger. J-Fashion nennt man den Style, glaube ich.

Mitten zwischen uns anderen schwitzenden Menschen holt sie plötzlich ganz cool einen batteriebetriebenen Ventilator hervor.

Leises Surren.

Für einen Moment wirkt sie wie eine Erscheinung.

ICH
Der einzige Mensch hier mit einem Plan.


5. Der Kollaps

Gegenüber von mir stehen ZWEI JUNGE FRAUEN.

Wir lächeln einander immer wieder freundlich zu.

ICH
Werde ich merken, wenn wir am Hauptbahnhof sind? Ich kann mich mit dem Koffer kaum umdrehen, um auf den Fahrplan zu schauen.

JUNGE FRAU 1
Ja klar. Da steigen die meisten aus.

Etwa dreißig Minuten später verdreht JUNGE FRAU 2 die Augen und sackt zusammen.

Mehrere Menschen helfen sofort.

Ich drücke den Notruf.

ICH
Hier ist eine junge Frau kollabiert. Wir brauchen Hilfe. Welche Zugnummer das ist, weiß ich nicht. In Wien wüsste ich so was natürlich.

Das ist wirklich keine Übung mehr. Jetzt ist die Sauna lebensgefährlich geworden.

Helfende Hände legen JUNGE FRAU 2 auf einen Sitz. Meine Wasserflasche wandert weiter zu ihnen. Kühlende Tücher liegen bald auf ihren Handgelenken und ihrer Stirn.

Die Sonnenbrille von JUNGE FRAU 2 liegt auf dem Boden. Ich hebe sie auf und stecke sie heimlich in die Handtasche von JUNGE FRAU 1. Keine Ahnung, warum mir das gerade wichtig ist, aber ich mache es.

HELFERIN
Sie! Die Frau mit dem Ventilator! Geben Sie bitte den mal her!

Die FRAU MIT VENTILATOR schaut überrascht. Dann reicht sie ihn sofort hinüber.

Die ZUGFÜHRERIN betritt den Waggon. Sie sieht die Menschenmenge und spürt die Hitze.

ZUGFÜHRERIN
Ich habe doch an jedem Bahnhof gesagt, man soll bitte nicht mehr einsteigen!

ICH
Ja, schön und gut, aber können wir jetzt bitte der jungen Dame helfen?

ZWEI MÄNNER tragen JUNGE FRAU 2 aus dem Zug.

JEMAND AUS DEM WAGGON
Vielleicht kann jemand eine Jacke auf den Boden legen!

ICH RAUS AUF DEN BAHNSTEIG
Kann bitte jemand eine Jacke auf den Boden legen?

Am Bahnsteig tut es jemand. Weitere Menschen kümmern sich um JUNGE FRAU 2.

JUNGE FRAU 1 steigt mit aus.

ICH
Wird alles gut.

Der Zug fährt weiter.

Wir alle hoffen, dass es gut ausgeht.


6. S1 Richtung Flughafen

Hamburg Hauptbahnhof. Abgesperrte Treppen und Rolltreppen. Viel Polizei.

Deutschland spielt ja heute. Völlig vergessen.

Ich suche eine nicht gesperrte Rolltreppe, rauche oben eine Zigarette und steige schließlich in die S1 zum Flughafen.

Endlich sitzen und durchatmen.

Mein gelber Koffer steht neben mir.

Der Zug ruckt. Ich suche meine Strecke auf Google Maps.

Plötzlich Stimmen. Ein kleiner Tumult.

MEHRERE FAHRGÄSTE
Der Koffer!

Ich drehe mich um.

Mein gelber Koffer steht nicht mehr neben mir, sondern weit weg, fast schon im nächsten Abteil. EINE HÜNDIN bringt sich gerade noch hinter Fahrrädern in Sicherheit.

ICH
Oh Gott, der Hund!

Ich hole den Koffer zurück.

Will am liebsten im Erdboden versinken.

ICH
Entschuldigung. Es tut mir so leid.

Die HÜNDIN schaut mich an, immer noch im Schutz des Fahrradreifens. Niemand ist böse. Mehrere Menschen lachen. Ich lache auch, ein wenig mit Tränen.

Ich halte den gelben Koffer fest.


7. Noch einmal umsteigen

Ich überhöre eine Durchsage und bemerke zu spät, dass ich zum Flughafen noch einmal umsteigen muss. Also fahre ich zwei Stationen zurück.

Wieder ein neuer Bahnsteig. Wieder ich und mein gelber Koffer.

ÄLTERER HERR
Wohin geht die Reise?

ICH
Zurück nach Wien. Wir waren am Nordkap.

ÄLTERER HERR
Am Nordkap?

Er überlegt kurz.

ÄLTERER HERR
Nein. Das Wetter hier ist mir schon oft genug zu schlecht.

ICH
Wissen Sie, ob ich jetzt so zum Flughafen komme?

Ich erzähle knapp von Stellwerkschaden, Bus, U-Bahn und der ganzen Odyssee.

ÄLTERER HERR
Kaputte oder schwache Strecken. Und dann noch die Hitze.

Er schaut auf meinen gelben Koffer.

ÄLTERER HERR
Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimreise nach Wien.

Ich schaue ihn an und lächle müde.

ICH
Danke. Ich mir mittlerweile auch.

Epilog

Fünfeinhalb Stunden habe ich von Lübeck nach Hamburg gebraucht.

Man sollte die Deutsche Bahn (und fairerweise auch die Hamburger Hochbahn usw.) nicht unterschätzen: Sie schaffte es tatsächlich, den abenteuerlichsten Teil einer zwölftägigen Nordkap-Reise mit über 7.000 Kilometern und einigen unangenehmen Zwischenfällen auf die letzten 65 Kilometer zu verlegen.

Fast pünktlich bin ich schließlich in Wien angekommen.

Müde, aber glücklich, es geschafft zu haben.

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