Mietzekatzen, ihr hattet eure 15 Minuten!

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“

Vor mehr als vier Jahrzehnten prophezeite Andy Warhol, in Zukunft werde jeder für 15 Minuten berühmt sein können. Die Zukunft ist jetzt. Und aktuell sind Katzen die Helden der Stunde. „Katzen gegen Terror“ lese ich bereits seit den Morgenstunden in meinem Twitter-Newsfeed. Ja, eh. Fand ich gestern auch super. Aber nun meldet sich meine Allergie gegen die Samtpfoten wieder heftig.

_MG_4478 sw4c web wz _ c Sabine KarrerWie es zum Aufstand der Mietzekatzen kam, muss ich vermutlich nicht erklären. Das haben bereits sämtliche Medien gemacht. Wer es dennoch verpasst hat (bitte verratet mir nur, wie das geht), kann es zum Beispiel hier (deutsch) oder hier (englisch) nachlesen. Die Kurzfassung: In Belgien herrschte gestern Abend weiterhin der Ausnahmezustand. Anti-Terror-Einsätze waren im Gange. Die Polizei bat die Bevölkerung, in sozialen Medien nichts über die Operationen zu veröffentlichen. Wir wissen ja: Gerade Facebook, Twitter und Co verlangen nach permanenter Aktualität. Wer möglichst schnell alles, was er gerade erlebt, liest oder hört, mit anderen teilt, bekommt dort nämlich die goldene „Wow, du bist ur super!“-Medaille verliehen. Oder so. Weil solche Aufrufe daher nur von mäßigen Erfolgsaussichten gekrönt sind, hatte jemand die Idee, den Twitter-Hashtag #brusselslockdown mit Katzenfotos zu füllen. Innerhalb von Minuten machte gefühlt das ganze Internet mit und zwischen all dem Cat-Content gingen die schließlich doch immer weniger werdenden Meldungen über Einsätze unter. Eins zu null für alle, die Leben retten wollen anstatt diese aus einem permanenten Aktualitätsbedürfnis heraus zu gefährden.

Nicht alle fanden die Aktion natürlich toll. „Zensur!“ schrien die einen, „nervig!“ die anderen. „Und wie fühlt ihr euch dann alle, wenn jetzt wirklich ein Anschlag passieren sollte?“ fragte mich eine liebe Freundin, nachdem ich selbst auch für ein bisschen Cat-Content gesorgt hatte. Ehrlich, ich machte mir Gedanken. Knallt mir eine kritische Aussage hin und ich beschäftige mich damit. Ich kam aber zu folgendem Schluss: Warum sollte ich mich wegen der Katzenbilder schlecht fühlen? Klar wäre es schöner, würden nach so einem offiziellen Aufruf alle ihre möglicherweise Leben gefährdende Kommunikation einstellen. So funktionieren soziale Medien aber nicht. Deshalb hatte mir die Idee gefallen. „Wir posten Katzen, Erdogan hätte Twitter gleich abgeschaltet“, schrieb einer sinngemäß. Wobei Menschen wie Erdogan freilich ganz andere Probleme mit sozialen Medien haben. Aber selbst dann, wenn nur der eine oder andere Belgier wenigstens für einen kurzen Moment lächeln konnte anstatt daran zu denken, was in dieser Nacht noch passieren könnte, dann erkläre ich die Mission für erfolgreich.

Die Polizei bedankte sich übrigens später für die tierische Unterstützung:

Ihr habt die Waffen, wir haben Katzen

„Katzen gegen Terror“ ist natürlich eine eher unsinnige Aussage. Terrorgruppen werden kaum zerschlagen werden, indem man sie virtuell mit Katzen bewirft. Aber sicher half die Aktion Einzelnen, wenigstens einen Moment lang Sorgen und Ängste zu vergessen. Möglicherweise gab es Usern das Gefühl, sie könnten sich für einen Moment lang aus den Fängen der Ohnmacht befreien, aus dem Wissen, in Wahrheit nichts gegen diese Terroristen ausrichten zu können. Und vielleicht war es bei einigen auch eine Art befreienden Herausschreien ihrer Wut: „Hey Terroristen! Ihr habt die Waffen, aber wir haben süße Katzen und überschütten euch jetzt mit Liebe!“

Hier übrigens mein Lieblings-Tweet zum Thema. Der kommt sogar ohne Katzenbild aus:

Das hätte ein schönes Ende abgeben können. Aber als die Polizeioperationen gegen Mitternacht beendet waren und alle auf die Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft warteten (es wurde übrigens nicht wirklich was gesagt, das hätten wir uns also sparen können), besetzten Katzenfotos nach wie vor #brusselslockdown. Wer erst jetzt davon erfahren hatte, wollte wohl noch rasch mitmachen. Auch das sind eben soziale Medien. Heute Früh blockierten dann nicht mehr die tierischen Helden der Nacht selbst den Hashtag, sondern reihenweise Berichte über sie.

Jetzt wollen wir allerdings wirklich wissen, wie es mit dem Ausnahmezustand in Brüssel weitergeht. Sperrt eure Katzen also bitte wieder ein. Vielleicht brauchen wir sie später noch einmal.

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