Nachtrag zur Debatte um das Verhindern (sexueller) Gewalt

Wenn ich sage, dass ich zumeist keine Angst habe, dass ich entsprechend agiere und reagiere, dann trifft das nicht automatisch für alle zu. Wir dürfen nicht immer davon ausgehen, dass alle so sind wir wir selbst. Vielleicht waren manche von uns schon immer selbstbewusst, das ist schön. Ich war es nicht immer und kann entsprechend nicht erwarten, dass in blöden Situationen jeder so reagiert wie ich es tue.

Mein früheres Ich

Seid ihr schon mal eurem früheren Ich begegnet? Ich bin es. Vor ein paar Jahren. Das war beim Maifest im Prater. In der öffentlichen Toilette am Praterstern. Ich habe mich ganz normal hinter den anderen angestellt. Das junge Mädchen vor mir ist mir da noch nicht einmal aufgefallen. Was mich nicht verwundert, sie war auch nicht auffällig. Eher Typ „graue Maus“, offenbar sehr schüchtern, sicher nicht sehr selbstbewusst. Schätzungsweise 14 oder 15 Jahre alt. Bemerkt habe ich sie erst, als eine Gruppe von drei Mädchen in ihrem Alter herein kam. Typ „ich bin so schön, ich bin so toll“, „mir gehört die Welt“, zumindest nach außen hin sehr selbstbewusst. Hinten angestellt haben die sich natürlich nicht, eher so an der Seite. Lauernd auf den richtigen Moment, sich vorzuschummeln. Der richtige Moment war natürlich jener, in dem das Mädchen vor mir drangekommen wäre. Das schüchterne Mädchen geht also einen Schritt nach vorne, die „coolen“ Mädels starten gleichzeitig los. In dem Moment ist mir klar geworden, dass ich das schüchterne Mädchen war. Vor 20 Jahren. Damals hätte ich so wie sie reagiert: Nämlich gar nicht. Ich hätte nichts gesagt, wäre freiwillig einen Schritt zurück gegangen, hätte mich insgeheim geärgert und mir wieder einmal gedacht, dass die ganze Welt gegen mich ist.

Also habe ich die Mädels fixiert und ihnen klipp und klar gesagt: „Heast, die junge Dame war vor euch da. Jetzt kommt mal sie dran, dann ich und ihr könnt euch hinten anstellen.“ Keine Heldentat, schon klar. Aber ich hab selten so viel Dankbarkeit gesehen wie in den Augen dieses Mädchens. Denn die „Coolen“ haben wortlos genau das getan: sich hinten angestellt. Und sie hat mal erlebt, dass jemand Partei für sie ergriffen hat. Mir hätte es ja egal sein können, vielen wäre es wohl egal gewesen.

Selbstbewusstsein vorleben, Zivilcourage zeigen

Ich kann nicht davon ausgehen, dass jeder so reagiert, wie ich es tue. Weil jeder anders ist. Wenn ich nachts alleine nachhause gehe und ich hinter mir Schritte höre, wechsle ich mein Schritttempo, die Straßenseite oder gehe vielleicht auch kurzerhand mal in irgendein Lokal am Weg, wenn ich nicht sicher bin, ob die Situation bedrohlich sein könnte. Wenn ich in einem Club blöd angegangen werde, sage ich meinem Gegenüber, dass das nicht okay ist. Wenn mich im öffentlichen Raum jemand belästigt, spreche ich wahrscheinlich andere Menschen an, um Unterstützung zu bekommen. Wenn ich in einer Toilette oder beim Bäcker anstehe und sich jemand vordrängen will, sage ich meine Meinung. Kann ich das von diesem schüchternen Mädchen, das ich auch einmal war, ebenso verlangen? Nein. Vielleicht macht sie das alles nicht und vielleicht bringt sie genau das in Gefahr. Das passive Reagieren, wenn sich jemand vordrängt, ist natürlich nicht lebensbedrohlich, klar, aber es ist auch ein Symptom. Komisch, dass ich das früher sehr oft erlebt habe und das heute nur noch sehr selten passiert, oder? Nein. „Mit der kann man’s ja machen“, steht heute einfach nicht mehr auf meiner Stirn geschrieben.

Wenn manche von uns also so cool reden („Ich hab doch keine Angst“, „Ich will selbst entscheiden, wie ich mich verhalte“), verstehe ich zwar den Hintergrund („Ich brauche keine Regeln, mit denen andere mir sagen, wie ich mich verhalten soll“ – da bin ich total bei euch), aber es ändert nichts daran, dass gegenseitige Rücksichtnahme und auch Zivilcourage immer angebracht sind. Und dass wir nicht aufhören dürfen, anderen ihre Ängste zu nehmen, und seien sie in unseren Augen noch so irrational. Keine Regeln oder wenn schon, dann gleichermaßen für alle. Unser eigenes Selbstbewusstsein nach außen tragen und andere damit anstecken. Aber nicht urteilen.

 

Dieser Text ist eine Art Fortsetzung zum Blogbeitrag „Eine Armlänge – und wie verhindert das sexuelle Gewalt?“, weil die Debatte ja weiter geht.

 

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