Autor: sabinekarrer

  • Lübeck–Hamburg – Oder: Die kürzeste lange Reise der Welt

    Lübeck–Hamburg – Oder: Die kürzeste lange Reise der Welt

    Eine kleine Reisekatastrophe in mehreren Stationen: mit Hitze, Hilfsbereitschaft, einem gelben Koffer und einer Hündin, die beinahe sehr schlechte Reiseerfahrungen gemacht hätte.

    Personen

    • ICH
    • MANN AN DER HALTESTELLE
    • BUSFAHRER
    • SCHAFFNER
    • FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
    • MANN MIT BLICK FÜR FARBEN
    • FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
    • ZWEI JUNGE MÄNNER
    • MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
    • FRAU MIT VENTILATOR
    • ZWEI JUNGE FRAUEN
    • HELFERIN
    • ZUGFÜHRERIN
    • ZWEI MÄNNER
    • ÄLTERER HERR
    • MEHRERE FAHRGÄSTE
    • HÜNDIN

    1. Lübeck

    Bushaltestelle in Lübeck. Sommerhitze. Der Reisebus steht noch da. Rascher Abschied von meinen Freund:innen, den Mitreisenden und dem Busfahrer. Dann bin nur noch ich da, mit meinem gelben Reisekoffer.

    MANN AN DER HALTESTELLE
    Wenn Sie den Bus brauchen: Der steht hinter dem Reisebus da.

    Ich werfe noch einen wehmütigen Blick zurück, steige ein und grüße den Regionalbusfahrer.

    ICH
    Ich müsste noch ein Ticket kaufen.

    Der BUSFAHRER winkt ab und grinst.

    ICH
    Hamburg Umgebung ist freundlich zu mir.

    Am Bahnhof kaufe ich dann natürlich wenigstens mein Zugticket und ziehe meinen gelben Koffer Richtung Bahnsteig.

    Ein MANN bleibt stehen. Er schaut auf den Koffer. Dann auf mich.

    MANN MIT BLICK FÜR FARBEN
    Gelb.

    Er geht weiter.

    ICH
    Okay. Ein bisschen seltsam war das jetzt schon.

    Kaum drei Minuten später sitze ich im Zug. Eine Durchsage. Unruhe.

    DURCHSAGE
    Wegen eines Stellwerkschadens auf der Strecke kommt es zu Einschränkungen.

    ICH
    Deutsche Bahn halt. Nicht nur ein Klischee.

    Der SCHAFFNER eilt durch den Zug, gestikuliert, erklärt, versucht Ordnung herzustellen. Er wirkt weniger wie ein Zugbegleiter als wie jemand, der den Verkehr auf einer mehrspurigen Straße regelt.

    SCHAFFNER
    Was für ein Chaos.

    Er versucht, eine FRAU in den Zug zu bringen.

    SCHAFFNER
    Steigen Sie ein!

    FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
    Ich warte noch auf meinen Mann.

    SCHAFFNER
    Wo ist der Mann?!

    FRAU, DIE AUF IHREN MANN WARTET
    Ich weiß es nicht. Gerade war er noch da.

    SCHAFFNER
    Was für ein Chaos.

    Aus den Lautsprechern kommen lange Erklärungen. Auch dazu, was ein Stellwerkschaden ist.


    2. Im Zug

    Eine mittelalte FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER und sehr vielen Taschen setzt sich neben mich. Ich mache mit meinem gelben Koffer Platz. Sie lächelt dankbar.

    Sie tippt auf ihrem Handy und zeigt mir den Bildschirm.

    FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
    Was passiert jetzt? Fährt der Zug nach Hamburg?

    ICH
    Stellwerkschaden. Wir müssen vielleicht umsteigen. Wir werden es erfahren.

    Später hält sie mir ihr Handy wieder hin.

    FRAU MIT GOOGLE ÜBERSETZER
    Warum sind Züge hier so schlecht, es ist hier nicht einmal Krieg.

    Ich lese es. Schaue sie an.

    ICH
    Ja.

    Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.

    In Ahrensburg müssen wir alle aussteigen.

    SCHAFFNER
    Irgendwie weiter mit Bus oder zu Fuß. Irgendwo fährt die U-Bahn.

    Er seufzt.

    SCHAFFNER
    Was für ein Chaos.


    3. Ahrensburg

    Eine Bushaltestelle in einem Hamburger Vorort, in den ich nie wollte. Hitze. Wenige Busse. Volle Busse.

    ICH
    Bus Nummer eins kann ich vergessen.

    Bus Nummer zwei hält. Ich habe schon einen Fuß in der Tür. Der BUSFAHRER schließt sie.

    ICH
    Oida!

    ZWEI JUNGE MÄNNER stehen in der Nähe.

    ICH
    Wisst ihr, wie weit es zur U-Bahn ist?

    ERSTER JUNGER MANN
    Nicht genau. Wir sind auch nicht von hier.

    ZWEITER JUNGER MANN
    Angeblich sind es ungefährt eineinhalb Kilometer.

    Wir schauen alle drei auf meinen gelben Koffer und lachen.

    ICH
    Das kann ich vergessen.

    Nach einer gefühlten Ewigkeit kommt Bus Nummer drei. Ich steige ein.

    ICH
    Endlich.

    Der Bus ist wieder sehr voll. Und heiß.


    4. Der Saunazug

    U-Bahn Richtung Hamburg Hauptbahnhof. Überfüllt. Keine Klimaanlage. Alle schwitzen.

    Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Menschen schwitzen. Manche im Gesicht. Manche am Kopf. Manche offenbar ab dem Hals abwärts. Die meisten von uns allerdings überall, spätestens nach den ersten Minuten. Das ist keine Übung, das ist Sauna mitten in der Sommerhitze.

    Ich entdecke mehrere Menschen mit Koffern.

    Die müssen sicher auch zum Hauptbahnhof.

    Ich stelle mich zu ihnen.

    ICH
    Ich folge einfach euch.

    Der MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE steht neben mir.

    MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
    Unseren Zug haben wir schon verpasst.

    Er sagt es erstaunlich ruhig.

    ICH
    Das ist ja fast beneidenswert gelassen.

    MANN AUS DER KLEINEN REISEGRUPPE
    Bleibt uns ja nichts anderes übrig.

    Wir witzeln immer wieder. Nicht, weil es so lustig ist. Sondern weil es sonst vielleicht zu viel wäre.

    Seinen Witz darüber, dass bald noch jemand umkippen wird, wird er später bereuen. Das kann er in diesem Moment aber noch nicht wissen.

    An einer der unzähligen Haltestellen steigt eine FRAU MIT VENTILATOR ein. Auffälliges Make-up, Manga-Tattoos, kitschige Taschenanhänger. J-Fashion nennt man den Style, glaube ich.

    Mitten zwischen uns anderen schwitzenden Menschen holt sie plötzlich ganz cool einen batteriebetriebenen Ventilator hervor.

    Leises Surren.

    Für einen Moment wirkt sie wie eine Erscheinung.

    ICH
    Der einzige Mensch hier mit einem Plan.


    5. Der Kollaps

    Gegenüber von mir stehen ZWEI JUNGE FRAUEN.

    Wir lächeln einander immer wieder freundlich zu.

    ICH
    Werde ich merken, wenn wir am Hauptbahnhof sind? Ich kann mich mit dem Koffer kaum umdrehen, um auf den Fahrplan zu schauen.

    JUNGE FRAU 1
    Ja klar. Da steigen die meisten aus.

    Etwa dreißig Minuten später verdreht JUNGE FRAU 2 die Augen und sackt zusammen.

    Mehrere Menschen helfen sofort.

    Ich drücke den Notruf.

    ICH
    Hier ist eine junge Frau kollabiert. Wir brauchen Hilfe. Welche Zugnummer das ist, weiß ich nicht. In Wien wüsste ich so was natürlich.

    Das ist wirklich keine Übung mehr. Jetzt ist die Sauna lebensgefährlich geworden.

    Helfende Hände legen JUNGE FRAU 2 auf einen Sitz. Meine Wasserflasche wandert weiter zu ihnen. Kühlende Tücher liegen bald auf ihren Handgelenken und ihrer Stirn.

    Die Sonnenbrille von JUNGE FRAU 2 liegt auf dem Boden. Ich hebe sie auf und stecke sie heimlich in die Handtasche von JUNGE FRAU 1. Keine Ahnung, warum mir das gerade wichtig ist, aber ich mache es.

    HELFERIN
    Sie! Die Frau mit dem Ventilator! Geben Sie bitte den mal her!

    Die FRAU MIT VENTILATOR schaut überrascht. Dann reicht sie ihn sofort hinüber.

    Die ZUGFÜHRERIN betritt den Waggon. Sie sieht die Menschenmenge und spürt die Hitze.

    ZUGFÜHRERIN
    Ich habe doch an jedem Bahnhof gesagt, man soll bitte nicht mehr einsteigen!

    ICH
    Ja, schön und gut, aber können wir jetzt bitte der jungen Dame helfen?

    ZWEI MÄNNER tragen JUNGE FRAU 2 aus dem Zug.

    JEMAND AUS DEM WAGGON
    Vielleicht kann jemand eine Jacke auf den Boden legen!

    ICH RAUS AUF DEN BAHNSTEIG
    Kann bitte jemand eine Jacke auf den Boden legen?

    Am Bahnsteig tut es jemand. Weitere Menschen kümmern sich um JUNGE FRAU 2.

    JUNGE FRAU 1 steigt mit aus.

    ICH
    Wird alles gut.

    Der Zug fährt weiter.

    Wir alle hoffen, dass es gut ausgeht.


    6. S1 Richtung Flughafen

    Hamburg Hauptbahnhof. Abgesperrte Treppen und Rolltreppen. Viel Polizei.

    Deutschland spielt ja heute. Völlig vergessen.

    Ich suche eine nicht gesperrte Rolltreppe, rauche oben eine Zigarette und steige schließlich in die S1 zum Flughafen.

    Endlich sitzen und durchatmen.

    Mein gelber Koffer steht neben mir.

    Der Zug ruckt. Ich suche meine Strecke auf Google Maps.

    Plötzlich Stimmen. Ein kleiner Tumult.

    MEHRERE FAHRGÄSTE
    Der Koffer!

    Ich drehe mich um.

    Mein gelber Koffer steht nicht mehr neben mir, sondern weit weg, fast schon im nächsten Abteil. EINE HÜNDIN bringt sich gerade noch hinter Fahrrädern in Sicherheit.

    ICH
    Oh Gott, der Hund!

    Ich hole den Koffer zurück.

    Will am liebsten im Erdboden versinken.

    ICH
    Entschuldigung. Es tut mir so leid.

    Die HÜNDIN schaut mich an, immer noch im Schutz des Fahrradreifens. Niemand ist böse. Mehrere Menschen lachen. Ich lache auch, ein wenig mit Tränen.

    Ich halte den gelben Koffer fest.


    7. Noch einmal umsteigen

    Ich überhöre eine Durchsage und bemerke zu spät, dass ich zum Flughafen noch einmal umsteigen muss. Also fahre ich zwei Stationen zurück.

    Wieder ein neuer Bahnsteig. Wieder ich und mein gelber Koffer.

    ÄLTERER HERR
    Wohin geht die Reise?

    ICH
    Zurück nach Wien. Wir waren am Nordkap.

    ÄLTERER HERR
    Am Nordkap?

    Er überlegt kurz.

    ÄLTERER HERR
    Nein. Das Wetter hier ist mir schon oft genug zu schlecht.

    ICH
    Wissen Sie, ob ich jetzt so zum Flughafen komme?

    Ich erzähle knapp von Stellwerkschaden, Bus, U-Bahn und der ganzen Odyssee.

    ÄLTERER HERR
    Kaputte oder schwache Strecken. Und dann noch die Hitze.

    Er schaut auf meinen gelben Koffer.

    ÄLTERER HERR
    Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimreise nach Wien.

    Ich schaue ihn an und lächle müde.

    ICH
    Danke. Ich mir mittlerweile auch.

    Epilog

    Fünfeinhalb Stunden habe ich von Lübeck nach Hamburg gebraucht.

    Man sollte die Deutsche Bahn (und fairerweise auch die Hamburger Hochbahn usw.) nicht unterschätzen: Sie schaffte es tatsächlich, den abenteuerlichsten Teil einer zwölftägigen Nordkap-Reise mit über 7.000 Kilometern und einigen unangenehmen Zwischenfällen auf die letzten 65 Kilometer zu verlegen.

    Fast pünktlich bin ich schließlich in Wien angekommen.

    Müde, aber glücklich, es geschafft zu haben.

  • Glibber-Ballett

    Glibber-Ballett

    Bei Schwimmen mit Tieren hatte ich bisher immer an Delfine gedacht. Dann traf ich im Meer auf eine ganze Armee von Quallen: elegant, gläsern, leise. Aber auch: glibbrig, eklig, wie lebendige Gelatineklumpen. Und ich lernte eine Lektion darüber, wie Abstoßendes gleichzeitig auch anziehend sein kann.

    Mit sandigen Füßen gehe ich die Steinstufen hinunter zum Meer. Der Strand ist klein, aber fein. Das Wasser vor mir ist technisch gesehen nur ein Flussarm. Aber mit Salzwasser – und für mich ist es in diesem Moment eben das Meer, das mir zur Verfügung steht. Ein glitzerndes, kühles Blau, dass endlos zu sein scheint und mich zum Abkühlen einlädt. Badetuch ablegen, Luft holen, reinspringen.

    Lautlose Parade

    Schon beim Eintauchen sehe ich sie: erst einzeln, dann in Gruppen, schließlich wie eine lautlose Parade. Die Quallen wirken wie gläserne Glocken oder elegante Tänzerinnen. Wie die Queens der Meere, die sie sind. Aber sie fühlen sich auch an, als hätte das Wasser Arme bekommen. Drei Züge, und die erste streift mein Schienbein; vier, fünf, sechs – die nächste. Plötzlich mittendrin. Beim Schwimmen mit Tieren hatte ich immer an Delfine gedacht, schmunzle ich.

    Jede Berührung ein kurzes Zucken, ein knapper Schrei, dann lautes Lachen. Schwimmen im Glibber-Ballett. Es ist, als glitte ich durch einen Pool mit nassen Luftballons. Als läge ich in einer Wanne, randvoll mit Gelatineklumpen.

    Perspektivenwechsel

    An der Treppe bleibt eine Frau stehen. Ihre Miene sagt alles. Ich nicke verständnisvoll und schwimme weiter. Nicht giftig, rede ich mir gut zu. Von der großen Blauen halte ich mich aber fern – ihre Blumenkohl-artige Krone ist beeindruckend, ihr Gift vielleicht weniger.

    Ich gehe in dieser Stunde noch zweimal ins Wasser. Nicht, um mir etwas zu beweisen, sondern weil das Meer an diesem ungewöhnlich warmen Spätsommertag einfach zu verlockend wirkt. Ausblenden? Ignorieren? Nein igitt, geht nicht. Nebenbei frage ich mich, wie ich mich wohl für die Quallen anfühlen mag. Meine Bewegungen sind vorsichtig, aber sicher nicht vorsichtig genug. Wie eine ständig aufschwingende Türe, die ihnen bei jedem Zug mit Karacho gegen dieKöpfe haut.

    Unerwartet, eklig, seltsam schön

    Etwas vom unfreiwilligen Schwimmen mit den Quallen bleibt: Berührungen, die zuerst schrecken, dann staunen lassen. Unerwartet, eklig, aber auch seltsam schön. Abstoßend und anziehend zugleich. Einer dieser kleinen Momente im Leben, die einzigartig sind – und sich deshalb einprägen.

  • Der Möwenmann

    Der Möwenmann

    Eine kleine Geschichte darüber, was bleibt, wenn der Lärm der Welt einmal kurz nachlässt.

    Der Urlaub war lange geplant – und ehrlich gesagt: überfällig. Wochenlang hatte sich das Leben angefühlt wie zu viel Bildschirm, zu viele Nachrichten, zu wenig Schlaf. Wir wollten raus – aus der Stadt, aus dem Lärm, aus dem Stress. Nur Meer, Wind und nichts müssen.

    Zwei Wochen an der Nordsee klangen nach Rettung. Das kleine, frühere Fischerdorf nahe Den Haag hatte meine Mama schon vor Jahren entdeckt – fast verschlafen, aber direkt am Meer gelegen, mit langem Sandstrand und guter Öffi-Anbindung. Es war perfekt, um endlich durchzuatmen. Doch schon bei der Ankunft war klar: So ruhig würde es nicht werden.

    Unter Agenten

    Überall Polizei, Absperrungen, Militärfahrzeuge. Hubschrauber über den Dünen, schwarze Limousinen in den engen Straßen. Männer mit schwarzen Anzügen, Krawatten, Sonnenbrillen und Knöpfen im Ohr – als wären sie direkt aus einem Agentenfilm gestolpert. Nur dass der Film echt war. Und wir mittendrin.

    Wir wussten seit Wochen vom NATO-Gipfel. Aber wir hatten vor einem Jahr gebucht – und dachten, dreißig Kilometer Entfernung würden reichen. Falsch gedacht.

    Schon beim Einfahren in die Ortschaft fielen mir die vielen US-Flaggen auf. Vor allem das Luxus-Hotel im Ort war damit geradezu gepflastert. Normalerweise trennen ein traurig-grauer Betonparkplatz und ein Riesenrad die schicke Anlage von unserem schon sichtlich in die Jahre gekommenen Hotel. Dass sogar die Gondeln des Riesenrads abgebaut worden waren, verhieß nichts Gutes. Es war, als hätte jemand dem Ort zwar nicht den Charme, aber den Stecker gezogen.

    Um die absurde Szenerie zu vollenden, hatte jemand „F… Trump“ in den Sand geschrieben. Keine zweihundert Meter weiter wärmte sich eine Robbe in der Sonne.

    Unser kleiner Balkon bot einen wunderbaren Blick aufs Meer – und auf die Sicherheitskräfte, die sich mittags besonders gerne am Fischstand trafen. Um die absurde Szenerie zu vollenden, hatte jemand in riesigen Lettern „F… Trump“ in den Sand geschrieben. Keine zweihundert Meter weiter wärmte sich eine einsame Robbe in der Sonne.

    Tagelang Ausnahmezustand. Straßensperren, Funkgeräte und Agenten – manche von ihnen fast schon komisch schlecht getarnt zwischen Badegästen. Sogar der Strandabschnitt vor dem Hotel blieb gesperrt. Kein Durchkommen. Selbst das Meer schien manchmal den Atem anzuhalten – nur um nachts mit ganzer Kraft die Wellen gegen die Gitterzäune zu schleudern.

    Am Strand

    Ende der Woche wurde es endlich stiller. Schon als die ersten Gitterzäune verschwanden, drängten wir zwischen den verbliebenen Absperrungen hindurch, als wollten wir uns die Freiheit zurückholen. Es war stürmisch, kühl – und befreiend.

    Mit am Rucksack baumelnden Sandalen und der Kamera in der Hand spazierten wir endlich entspannt das Wasser entlang. Ein paar hundert Meter weiter wurde der Strand leerer, der Lärm leiser. Nur Wind, Wellen, Möwen – und dieser salzige Geruch, der den Kopf freimacht.

    Ich atmete tief ein. Es war dieser Moment, in dem man spürt, dass die Gedanken wieder Platz haben.

    Zuerst sah ich nur die Möwen. Ich beugte mich hinunter, machte ein paar Aufnahmen – und bemerkte im Augenwinkel einen Mann, der darauf achtete, die Vögel nicht zu vertreiben. Es schien fast, als sorge er dafür, dass die Möwen vor meiner Kamera posieren.

    Der Mann wirkte sportlich, mittleren Alters – und er ging barfuß wie wir. Mit seinen kurzen Hosen, dem dunkelroten Pullover und den schon leicht angegrauten, vom salzigen Nordseewind zerzausten Locken fügte er sich perfekt in die niederländische Strandlandschaft ein. Sonne, Salzwasser – und wohl auch das Leben – hatten Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Er lächelte freundlich, fast verträumt. Die Earbuds in seinen Ohren wirkten wie ein Bruch – oder hörte er gar keine Musik, sondern nur den Gesang von Wellen, Wind und Möwen?

    Verwundert sahen wir ihm nach. Die Möwen folgten ihm. Nicht aufgeregt, nicht laut – einfach in seinem Rhythmus. Als gehörten sie zu ihm. Ich grinste. Es wirkte, als hätte jemand einen geheimen Pakt mit der Natur geschlossen.

    Im Gespräch

    Von diesem Abend an sahen wir ihn fast täglich. Manchmal schon aus der Ferne, manchmal ganz nah. Einmal blieb er vor den Dünen stehen, sah zu den Möwen und hob kurz die Hand – wie ein stilles „Bis morgen“. Und die Möwen verstanden.

    Er erzählte das, als wäre es die normalste Sache der Welt. 

    Ein anderes Mal sprach meine Mutter ihn an. Ich stand daneben und sah ihn lachen – dieses warme, offene Lachen, das nichts will. Nur da sein. Natürlich stellte ich die eine Frage. Er sagte, dass er schon immer gern am Strand spazieren geht. Eines Tages hätten zwei Möwen bei seinem Haus genistet – und irgendwann seien sie einfach mitgekommen. Dann kamen immer mehr dazu. Er erzählte das, als wäre es die normalste Sache der Welt. Wir scherzten ein wenig, ich zeigte ihm ein paar meiner Fotos. Ihm gefiel eines, auf dem die tief stehende Sonne fast das Meer glühen ließ – und schon winkten wir einander wieder zum Abschied. Er ging mit seinen Möwen der untergehenden Sonne entgegen und wir mit unseren Kameras.

    Manchmal denke ich, irgendwo in einem Paralleluniversum schreibt ein Mann, der jeden Abend mit Möwen kilometerweit den Strand entlanggeht, in seinem Blog über zwei Frauen, die jeden Abend denselben Sonnenuntergang fotografieren. Unrealistisch. Aber nicht unmöglich. ;-)

    Der Nachklang

    Danach sahen wir den Möwenmann nicht mehr. Wäre ich ihm allein begegnet, ich hätte fast gezweifelt, ob er echt war. Originale gibt es ja erstaunlich viele – aber nur wenige leben das Ungewöhnliche so leise wie er, denke ich.

    Ich denke noch oft an den Möwenmann. An das Bild von ihm, das ich mit nach Hause nehmen durfte. Es gibt Menschen, die uns nichts erklären – und trotzdem etwas zeigen, das bleibt.

    Freiheit nicht immer etwas Großes oder Lautes. Manchmal ist sie einfach ein Mann, der barfuß mit Möwen spazieren geht – und weiß, dass sie einander morgen wiedersehen werden.

    Was bleibt, ist seine Ruhe. Dieses stille Einverständnis mit der Welt, die genau an diesem Ort, seinem Heimatort, eben noch für den kompletten Ausnahmezustand gesorgt hatte. Und die Erkenntnis, dass Freiheit nicht immer etwas Großes oder Lautes ist. Manchmal ist sie einfach ein Mann, der barfuß mit Möwen spazieren geht – und weiß, dass sie einander morgen wiedersehen werden.

  • Namibia

    Namibia

    Köcherbaum mit untergehender Sonne. Wunderbare Namibia-Erinnerung.

  • Sunset

    Sunset

    Wenn dir der Sonnenuntergang an der Nordsee die Sprache verschlägt. Heißer Tipp: Noordwijk an Zee. Ideal für lange Strandspaziergänge, wunderbar kitschige Sonnenuntergänge und sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln sind Städte wie Leiden und Den Haag fast überraschend gut erreichbar.

  • Gänsefamilie

    Gänsefamilie

    Graugans-Mama und Graugans-Papa beim abendlichen Familienausflug mit dem Nachwuchs. Mein allererstes Mal mit dem Sigma 600er-Teleobjektiv. Ziemlich leiwandes Teil, für das man keinen Kredit aufnehmen muss (ich kenn auch andere…).

  • Eichhörnchen-Yoga

    Eichhörnchen-Yoga

    Der erste Corona-Lockdown war zumindest für die Eichhörnchen in der Gegend ziemlich entspannend. Und weil damals für mich gerade nicht viel anderes zu tun war, habe ich mich mit der Kamera auch das eine oder andere Mal auf die Lauer gelegt.

  • Im Zoo

    Im Zoo

    Wer gewinnt den Schönheitswettberwerb? Pinguin oder Pfau?

  • Vietnam

    Vietnam

    Eine Transportmethode faszinierender als die andere in diesem wunderschönen, spannenden Land. 🙂

  • Abends im Burgenland

    Abends im Burgenland

    Das Burgenland kann man mögen oder nicht. Aber dass es einige besonders schöne Ecken gibt, ist unbestritten. Zum Beispiel den Nationalpark. Vögel beobachten in Illmitz: unbezahlbar.