Ein Nachruf, den ich nie schreiben wollte, lieber Norbert… :-(

Es gibt Momente im Leben, da steht plötzlich die Zeit still. Da sitzt man schluchzend und kettenrauchend am Balkon, schaut auf die in den Nachtstunden so ruhige Alte Donau und fragt sich: Warum? Man schreibt SMS, Facebook-Nachrichten, telefoniert stundenlang – und stellt fest: Man ist in seiner Trauer alles andere als alleine. Es scheint, als würde ein ganzer Bezirk um seinen im Alter von erst 51 Jahren verstorbenen Bezirksvorsteher weinen.

Norbert Scheed wird nicht nur als Vorsteher der Donaustadt fehlen, sondern vor allem auch menschlich. Als einer, der seine Stimme stets klar gegen Rechts, gegen Faschismus, gegen Unmenschlichkeit erhoben hat. Als einer, der nicht nur die Stadterweiterung am Rande Wiens mit Donaucity, Seestadt Aspern usw. mitgetragen, sondern in gleichem Maße immer wieder die Bedeutung auch der Grünflächen betont hat. Nicht zuletzt hat er sich entscheidend für die Entstehung des Wienerwaldes Nord-Ost eingesetzt – einstimmig beschlossen von allen Fraktionen, von Links, Mitte und Rechts. Seine Freude darüber hat Norbert zuletzt wieder in seiner Rede anlässlich des Festaktes „60 Jahre Donaustadt“ bekräftigt. Das Projekt war ihm besonders wichtig und ich erinnere mich noch, als er in einem Interview sinngemäß gesagt hat, auch wenn er selbst die Vollendung des „Wienerwaldes Nord-Ost“ nicht mehr erleben werde (ich wohl auch nicht, Bäume wachsen langsam), sei es doch so wichtig, dieses anzupacken. Es tut mir weh, dass er nun nicht einmal mehr den Spatenstich für die Errichtung seines Herzensprojektes erleben darf.

Herz, Verstand und Bescheidenheit

c Sabine KarrerNorberts Bescheidenheit – das geht auch aus sämtlichen Gesprächen, die ich seit gestern geführt habe, hervor – war einer seiner herausragenden Charakterzüge. Eine Anekdote, die mir dazu einfällt, ist jene, als ihm anlässlich der Demonstration gegen den Abriss des Hopfhauses vorgeworfen worden ist, er hätte diesen mitzuverantworten. Als Bezirksvorsteher hätte er sich für eine entsprechende Schutzzone einsetzen müssen. Nicht nur, dass Norbert überhaupt an dieser Demo teilgenommen hat (es muss ihm klar gewesen sein, dass er dort massiv angegriffen werden würde) und sich allen Angriffen gestellt hat. Auch diesen Vorwurf hat er schlicht über sich ergehen lassen, ohne zu kontern. Ich habe damals meine neben mir stehende Mutter gefragt: „Aber Norbert war 2004/2005 doch noch gar nicht Bezirksvorsteher, oder?“ Nein, tatsächlich nicht, bis 2006 ist er nämlich Regionalgeschäftsführer der GPA Wien gewesen. „Es ist eben nicht seine Art, andere bloßzustellen“, hat meine Mutter mir geantwortet. Die meisten anderen hätten das nicht über sich ergehen lassen, davon bin ich überzeugt. Dennoch ist es mir ein Anliegen gewesen, das später gegenüber einem der Rädelsführer dieser Vorwürfe klarzustellen. „Okay, das war mir nicht bewusst“, hat dieser daraufhin gemeint. Mit falschen Anschuldigungen anderen gegenüber kann ich nicht leben, das habe ich mit Norbert sicher gemeinsam gehabt. Über die Demo selbst habe ich damals einen Artikel geschrieben. Norbert, der schon längst hätte zu seinem nächsten Termin eilen müssen, hat mir gegenüber trotzdem noch geduldig sein Statement abgegeben, immer noch mit relativ roten Ohren. Ganz ehrlich: Auch wer durch jahrelange politische Tätigkeit erfahren im Umgang mit Bürgerinitiativen usw. ist, an dem prallt nicht alles einfach ab. Auch Politiker sind doch letztlich nur Menschen. Und ich habe mir damals wieder einmal gedacht: Ich könnte in diesem Job nicht einen Tag überleben, so eine dicke Haut kann ich mir gar nicht wachsen lassen. Natürlich habe ich auch anwesende Mitglieder anderer Fraktionen für meinen Artikel interviewt. Journalismus ist Journalismus, da muss das Persönliche außen vor bleiben. Das kann, muss man trennen.

Ich bin allerdings unendlich dankbar, dass ich Norbert nicht nur beruflich, sondern vor allem privat kennenlernen durfte. Als er 2006 Bezirksvorsteher der Donaustadt geworden ist, habe ich von Anfang den Eindruck gehabt, er habe immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Bevölkerung. So etwa auch für die Bedürfnisse des Vereins Pflegehospiz Kaisermühlen mit seiner Hauskrankenpflege, der Kaisermühlner Nachbarschaftshilfe, ebenso wie für zahlreiche andere lokale Initiativen. Norbert hat sofort verstanden, wie wichtig die regionale Betreuung Pflegebedürftiger ist. Den Leitspruch des Vereins-Obmanns Pater Elmar („Ein alter Baum darf nicht verpflanzt werden, erst recht nicht ein alter Mensch.“) hat sich auch Norbert zu Herzen genommen. Es hat im Laufe der Jahre viele Gespräche mit ihm gegeben, manchmal konnte er helfen, manchmal nicht. Aber er hat es stets versucht, ist bei sämtlichen wichtigen Ereignissen dabei gewesen. Auch für die Jubiläumsfeier im Oktober hat er den Ehrenschutz übernommen, hat versprochen, alles dafür zu tun, um persönlich anwesend sein zu können. Die karitative Punschhütte des Vereins bei der U1-Station Kaisermühlen hat er ebenso unterstützt: persönlich und auch finanziell. Jahr für Jahr hat er an jeder Eröffnung teilgenommen, wenn es machbar war, auch am jeweils letzten Tag. Woher er die Zeit dafür gehabt hat, ist mir bis heute unklar. Manchmal habe ich insgeheim gedacht, Norbert müsste sich klonen lassen, um wenigstens ein bisschen Freizeit zu genießen. Umso tragischer, dass unser Bezirksvorsteher nun ausgerechnet in seinem Norwegen-Urlaub so plötzlich verstorben ist. Vielleicht der einzige kleine Trost, der bleibt: Er ist mit Sicherheit bis zum Schluss glücklich gewesen…

Gemeinsames „Protestcampen“

c Sabine KarrerDass ich meinen eigenen Norwegen-Urlaub vor wenigen Wochen aus einem ebenso traurigen Anlass wie diesem habe absagen müssen, macht die Sache für mich persönlich fast ein wenig skurril. Wäre ich tatsächlich in Norwegen gewesen, hätte ich vor zwei Wochen nicht Norberts sehr persönliche, einfühlsame Rede auf Pater Elmar miterlebt. Der frühere Kaisermühlner Pfarrer, von vielen sehr geschätzt, hatte in einer kleinen Donaustädter Pfarrgemeinde sein 50-jähriges Priesterjubiläum gefeiert. An einem außergewöhnlich schönen, sonnigen Tag übrigens. Während ich mich an diesem Morgen erst aus den Federn gewälzt habe, ist Norbert bereits in der kleinen, bescheiden eingerichteten „Kirche“ in einer ehemaligen Tischlerei gesessen. Elmar und ihn hat sehr viel verbunden, wie Norbert auch später in seiner erstaunlich langen und wirklich herzerwärmenden Rede betont hat. „Hätte mir früher jemand gesagt, ich als eingefleischter Sozialdemokrat würde mich jemals mit einem katholischen Priester anfreunden, hätte ich ihn für verrückt erklärt“, hat Norbert sinngemäß gesagt, und nicht nur er und Elmar haben dabei ziemlich gegrinst. Dann hat er wieder einmal die Geschichte erzählt, als Pater Elmar und er Jahre zuvor gemeinsam ein Zelt vor jener Pfarre aufgebaut haben, aus der man Elmar damals zwangsversetzen wollte. Ein katholischer Priester und ein sozialdemokratischer Bezirksvorsteher beim gemeinsamen Protestcampen, das muss man sich mal vorstellen…

Kein Wunder, dass mir auch heute Menschen erzählen, wie sehr sie diesen Mann geschätzt haben. Eine liebe Freundin zum Beispiel hat sich daran erinnert, als sie ihn vor Monaten kennengelernt und sich bei ihm „beklagt“ hat, sie wäre mit ihrem neuen Heim so gerne nicht knapp Floridsdorferin geworden, sondern hätte ihn auch gerne als ihren Bezirksvorsteher. „Ich glaube, er war schon geschmeichelt, aber hat natürlich gesagt, wir hätten eh einen sehr guten Vorsteher, klar“, hat sie mir erzählt. Eine andere Freundin habe ich ihm erst Ende April beim Maibaumaufstellen in Kaisermühlen vorgestellt. Auch hier: Fassungslosigkeit. „Ich habe noch nie einen Menschen so denken gesehen wie ihn“ – auch das ist eine der vielen bemerkenswerten Aussagen, die ich in den letzten Stunden gehört habe.

Am Sonntag vor knapp mehr als zwei Wochen habe ich gegen Ende der Feierlichkeiten noch Fotos von Norbert, Elmar und anderen Anwesenden gemacht. Wir alle sind fröhlich gewesen, ich habe Norbert lachend darauf aufmerksam gemacht, es sei bei seiner Körpergröße wirklich schwierig, ihn mit auf das Foto zu bekommen (hinter mir ist ein Zaun gewesen, was sich ohne Weitwinkel-Objektiv tatsächlich sehr schwierig gestaltet hat ;)). Wir haben beide gelacht. Später an diesem Tag haben wir uns dann noch einmal beim Festakt „60 Jahre Donaustadt“ getroffen. Das ist das letzte Mal gewesen, dass ich ihn gesehen habe. Wir haben einander freudig begrüßt und ich habe auch da wieder schmunzelnd festgestellt: „Norbert, also ich hab zwischen den beiden Feiern ja geschlafen, ich vermute mal, du nicht.“ Wieder Lachen.

Du fehlst

Ich weiß nicht, wie es mit unserem Bezirk ohne Norbert weitergehen wird. Ich denke, seine Mitarbeiter und Mitstreiter werden den Weg fortsetzen, den er gemeinsam mit ihnen bereits gegangen ist. Ich hoffe es. Eine liebe gemeinsame Bekannte hat gestern zu mir gesagt: „Genau das hätte er sich gewünscht.“ Ihn auch nur annähernd zu ersetzen, wird unmöglich sein. Bezirkspolitisch wie menschlich. Seine Ideen und Visionen umzusetzen, das sollte dagegen unsere Pflicht sein – über alle Fraktionen hinaus. Ob das die jährliche Gedenkwanderung durch die Lobau ist, die ihm so wichtig gewesen ist, vermeintlich kleine Dinge wie das Durchsetzen des Makeba-Weges im Bezirk, benannt nach der Künstlerin und Menschenrechtlerin Miriam Makeba, eine Stadterweiterung mit viel Fingerspitzengefühl, der Erhalt bestehender und das Schaffen weiterer Grünflächen, eine positive Stimmung im Bezirk, die Anliegen der Donaustädter…

c Sabine KarrerEs ist einfach nicht zu glauben, dass Norbert plötzlich nicht mehr unter uns weilt. Mein Mitgefühl gilt ganz besonders seiner Familie. Deren größten Wunsch, nämlich die Zeit zurückzudrehen und ihnen ihren Ehemann, Vater, Bruder,… zurückzugeben, kann leider niemand von uns erfüllen. Was bleibt, ist die Erinnerung. Wo auch immer du jetzt bist, Norbert, vergessen werden wir dich nie. Du fehlst gewaltig!

P.S.: Es ist übrigens schon Jahre her, da habe ich auf meiner Facebook-Wall (wieder einmal) den Song Wish you were here von Pink Floyd gepostet. Ich liebe diesen Song. Lieber Norbert, du hast damals geschrieben, du seist dankbar dafür, weil du diesen Song auch so gerne magst. Nachdem ich Musik etwa genauso schätze, wie du es getan hast, werde ich ihn ab sofort wohl nicht mehr hören können, ohne dabei an dich zu denken… Das ist okay so.

http://tvthek.orf.at/program/Wien-heute/70018/Wien-heute/8250279/Die-letzte-Ehre-fuer-Norbert-Scheed/8252292

5 Antworten auf „Ein Nachruf, den ich nie schreiben wollte, lieber Norbert… :-(“

  1. …auch ich habe ihn als Bezirksvorsteher und Politiker sehr geschätzt, weil er sehr feinfühlend menschlich war. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und seinen Freunden.

    1. Ja, mehr kann man im Moment nicht sagen. Dazu fehlen sicher bei allen die Worte, die Norbert gekannt, geschätzt und gemocht haben. 🙁

    1. Ich würde es gerne genau so sehen. Das Gemeine ist: Er weiß jetzt, wie es „dort“ ist, wir nicht. Irgendwie musste er immer einen Schritt voraus gehen, oder? Hm. :,-(

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