#JeSuisCharlie #VienneEstCharlie

Der Tag nach der kaltblütigen Ermordung von mehr als einem Dutzend Menschen in und vor der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Immer noch herrscht absolute Fassungslosigkeit. Bei mir, bei vielen. Und (zumindest bei mir) weitgehende Sprachlosigkeit.

Trotzdem ein paar Worte:

Wir sind Charlie (#JeSuisCharlie). Nicht, weil wir alle ach so mutig wären, uns selbst durch permanente Bedrohungen nicht einschüchtern zu lassen. Sondern weil Meinungs- und Pressefreiheit wichtige Güter sind. Man darf von der Arbeit des Charlie Hebdo-Teams halten, was man will, aber eines ist wohl klar: Satire muss möglich sein dürfen. Auch wenn sie die Gefühle mancher verletzen sollte. Ein Anschlag auf die Meinungsfreiheit, ein gezielter Anschlag auf Redakteure, Journalisten, Karikaturisten, das ist ein Anschlag auf demokratische Grundwerte – und das dürfen wir nicht hinnehmen. Und nein, Rassismus ist keine Form der Meinungsfreiheit.

Gerade Medien müssen jetzt noch mutiger und kritischer werden! Sieht man sich heute die Titelblätter der Tageszeitungen an, wird man leider feststellen, dass nur einige Mut gezeigt haben. Die Wiener Zeitung ist eine davon, indem sie unter anderem ein Charlie Hebdo-Cover gebracht hat. Das schreibe ich nicht, weil ich selbst hin und wieder für die Wiener Zeitung schreibe, sondern im Gegenteil: Es macht mich fast ein wenig stolz, für diese Zeitung schreiben zu dürfen. Manch‘ anderes Medium hat sich damit begnügt, Covers der Satirezeitschrift verpixelt oder gar nicht zu zeigen. Ich finde es aber wichtig, jetzt genau solche Karikaturen zu bringen – und zwar nicht nur solche, die den Islam kritisieren, sondern auch solche, die anderen Religionen den Spiegel vorhalten. Charlie Hebdo ist nämlich nicht per se „islamkritisch“, wie manche behaupten, sondern das Medium zeigt sich durch und durch kritisch gegenüber allen Religionen. Hier hat mich leider ausgerechnet Der Standard enttäuscht, der heute mit der Schlagzeile „Terror gegen islamkritische Zeitung“ aufgemacht hat. Und dafür meiner Meinung nach zurecht unter anderem bei Twitter massiv kritisiert worden ist. (Update: Hierzu auch ein Bericht von FM4, Der Standard ist natürlich nicht die einzige Zeitung, die so getitelt hat.)

Die Kleine Zeitung (deren Cover ist übrigens top!) hat eine Auswahl an internationalen Titelblättern gebracht, einfach hier klicken.

 

Wem was nicht passt, der antworte mit Stift und Papier. Die Kollegen von Charlie Hebdo arbeiteten mit Stift und Papier, die Mörder waren mit Kalaschnikows bewaffnet. Natürlich sind wir alle wütend, traurig, fassungslos. Aber die richtige Antwort auf diese Gewalt kann nie Gegengewalt sein… Sie muss heißen: Stift und Papier. Stimme erheben. Seit gestern werden vor allem in sozialen Netzwerken massenhaft Karikaturen anderer Zeichner geteilt. Das ist gut so.

Die Arbeit von Charlie Hebdo muss weitergehen. Einige Medien sollen bereits ihre Unterstützung angeboten haben. Die Nachrichtenagentur AFP meldet, die nächste Ausgabe des Magazins soll wie geplant erscheinen. „Viele Kollegen der Wochenzeitschrift sind tot, doch es muss möglich sein, dass sie ihre Arbeit fortsetzt. Der erste Teil des Zeitungstitels stammt von der Comicfigur ‚Charlie Brown‘. Und der sagte einmal: ‚Never forget, you’re someone special.‘ Er gilt für ‚Charlie Hebdo‘, vor allem für deren Opfer“, schreibt Reinhard Göweil, Chefredakteur der Wiener Zeitung, in seinem heutigen Leitartikel.

 

 

 

Nein, die Täter sind nicht Muslime, sondern schlichtweg extremistische Wahnsinnige. „Heute werden mein Glaube und damit ein Teil meiner Identität wieder in einem Atemzug mit Terror genannt. Das habe ich Kreaturen zu verdanken, die sich selbst Muslime nennen“, schreibt Dudu Kücükgöl, Vorstandsmitglied der Muslimischen Jugend Österreichs (MJÖ), in ihrem Gastkommentar für die Zeitschrift Biber. Auch das ist gut und wichtig.

Gerade jetzt müssen wir uns umso mehr Seite an Seite für Freiheit und Demokratie, gegen Rassismus einsetzen. Christen, Muslime, Juden, Hinduisten, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker – alle! Es sollte unsere Pflicht sein, rechtsgerichteten Vereinigungen und Parteien die Stirn zu bieten. Ob sie sich nun Pegida, FPÖ oder Le Pen nennen. Mit Aufklärung, mit Kundgebungen, mit Appellen. Für Wien ist schon länger ein Lichtermeer 2.0 geplant, das sollte möglichst bald stattfinden. Und bis dahin viele (vielleicht kleinere, auch kurzfristiger angesetzte) Kundgebungen, Demonstrationen und Lichtermeere. Und dann sollte jeder einzelne von uns, der oder dem Freiheit etwas bedeutet, den Hintern von der Couch bewegen und hingehen!

In vielen Städten der Welt haben sich gestern Menschen spontan zu solidarischen Kundgebungen zusammengefunden. Unter anderem mit dem Schriftzug „Not afraid“ ließen die Pariser wissen, dass sie sich nicht einschüchtern lassen.

#VienneEstCharlie. Auch in Wien haben sich gestern hunderte Menschen spontan vor der französischen Botschaft am Schwarzenbergplatz versammelt. Ich muss zugeben: Nach einem Termin bin ich ursprünglich direkt nach Hause gefahren. In meiner warmen Wohnung sitzend, ist in mir plötzlich ein ungutes Gefühl gewachsen: Kann ich als Journalistin, als überzeugte Demokratin, als eine, die sich regelmäßig gegen Extremismus aller Art ausspricht, einfach hier sitzen, während andere vor Ort ein Zeichen setzen? Sich mit den ermordeten Kollegen solidarisieren? Bin ich wirklich so bequem geworden? Nein, das kann’s nicht sein. Also habe ich mich warm eingepackt und bin kurzerhand zum Schwarzenbergplatz gefahren. Die große (stille) Kundgebung habe ich zwar verpasst, aber einige, offensichtlich betroffene Menschen sind noch vor der Botschaft gestanden. Besonders berührend: viele Kerzen, Botschaften wie „JeSuisCharlie“ – „IchBinCharlie“, „WirSindCharlie“ – und ein paar Ausgaben von Charlie Hebdo. Auch #VienneEstCharlie.

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Verlieren wir unseren Humor nicht. Das hätten vermutlich weder Charb, Cabut, Tignous, Georges Wolinski, vier der ermordeten Zeichner, noch die überlebenden Redaktionsmitglieder gewollt. Die satirische Antwort der österreichischen Tagespresse zum Beispiel gibt’s hier.

JeSuisCharlie

RIP

Update: Auch wir Freischreiber.AT trauern gemeinsam mit unseren Freunden von Freischreiber.DE um die ermordeten Kollegen von Charlie Hebdo. Mit ihrem Mut und ihrer Unbedingtheit sind sie ein Vorbild für viele von uns!

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