Karma

Manche Geschichten kann man nicht erfinden. Sie passieren einfach. Ganz ohne Drehbuch. Und im Gegensatz zu Film und Fernsehen haben diese leider nicht immer ein Happy End – auch wenn alles richtig gemacht wurde.

Dieses junge Paar lebt erst seit einigen Monaten zusammen. Der ewig brüllende Nachbar hat ihre Beziehung von Anfang an auf eine harte Probe gestellt. Ständig Klopfgeräusche aus der Wohnung unter ihnen. Brüllorgien („A Ruh‘ is!“, „Ich ruf‘ die Polizei!“). Immer wieder Sturmläuten mit anschließenden (halb-)cholerischen Ausbrüchen. Was die beiden gemacht haben? Gelebt. In der Wohnung herumgegangen. Ganz normal, wie jeder das eben so tut. In der Küche am Herd gestanden und gekocht. Eine Einweihungsparty hat bis heute nicht stattgefunden – aus Sorge, den Nachbarn unnötigerweise noch mehr zu provozieren. Provokation durch Leben – so weit war es also schon gekommen. Irgendwann haben die Freunde aufgehört, danach zu fragen.

Schicksalhafter Tag

Dann dieser eine Tag. Frühmorgens, lange vor Sonnenaufgang. An Stelle von Sonnenstrahlen wird das Paar durch laute Schreigeräusche geweckt. Hilfeschreie. Sie kommen aus der Wohnung darunter. Als sie hinunterlaufen und an der Tür klingeln, macht die Frau auf. Ihr Mann liegt wohl ohne Bewusstsein am Boden. Vielleicht das Herz, könnte man vermuten. K. übernimmt sofort die Reanimation, M. weist währenddessen die Rettung ein. Alles Menschenmögliche wird getan, um den Nachbarn zu retten.

Abends kommt K. von der Arbeit nachhause. Trotz aller Quereleien der letzten Monate: Sie will wissen, wie es dem Nachbarn geht. Klingelt an seiner Tür. Die Frau öffnet ihr. Sagt, er hätte es nicht überlebt. Leider.

Man weiß nie, wer da ist

Ich will nicht unbedingt von Karma sprechen, niemand hätte sich gewünscht, dass es so kommt. Wirklich niemand. Ein Menschenleben ist zu Ende, obwohl dem Mann geholfen wurde. Wir alle kannten ihn nur als jemanden, der anderen das Leben schwer gemacht hat. Ich selbst habe dem jungen Paar mehrmals geraten, sich an die Hausverwaltung zu wenden. Eine Art Mediation einzuschalten. Irgendwas. Wenn man selbst in seinen eigenen Wänden nicht mehr in Harmonie leben kann, läuft doch irgendetwas gewaltig falsch… Dass der Nachbar vermutlich nicht einmal mehr mitbekommen hat, WER ihm in dieser Situation geholfen hat, ist auch schade. In meiner Fantasie hatte ich tatsächlich die Vorstellung, er käme nach langem Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt wieder nachhause und wäre plötzlich der beste (weil dankbarste) Nachbar, den man sich vorstellen kann. Vielleicht sogar mit gegenseitigen Einladungen zu Kaffee und Kuchen. Oder Fußballschauen mit Bier und Chips. Naja.

Auf die beiden bin ich jedenfalls sehr stolz. Nicht jeder hätte so reagiert wie sie. Und das ganz unabhängig vom persönlichen Verhältnis zwischen den beiden Parteien. Solche Nachbarn kann man sich eigentlich nur wünschen, nicht wahr? Querulanten dieser Welt (auch Ihnen, meinem Nachbarn, der wieder brüllt, was das Zeug hät, während ich diese Zeilen schreibe), euch sei Folgendes gesagt: Ihr wisst nie – wirklich niemals! -, wer eines Tages für euch da sein wird, wenn es euch schlecht geht. Es könnte genau der Mensch sein, den ihr euch einst zum Feind gemacht habt.

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